Der Rinderflüsterer: Treiben leicht gemacht

Philipp Wenz beim "Low Stress Stockmanship"

Im Alltag mit Rindern gibt es viele Stresssituationen für Mensch und Rind: Das Treiben zum Melken, der Weg in den Klauenstand oder die Fixierung. Der Rinderflüsterer Philipp Wenz hat uns erklärt, wie man durch stressarmen Umgang mit seinen Tieren Zeit, Nerven und Arbeitskräfte spart.

Erfolglos ruft, lockt und schiebt Azubi Clemens die Kuh - doch sie ist nicht zum Aufstehen zu bewegen. Dabei ist es höchste Zeit fürs Melken. Da kommt Philipp Wenz mit scheinbar teilnahmslos in den Hosentaschen verborgenen Händen vorbeigeschlendert. Schon trottet die Kuh gemächlich Richtung Melkstand.
„Betriebe, die mich um Hilfe bitten, lassen sich in vier Gruppen aufteilen“, so Wenz. „Einerseits die Guten, die noch besser werden wollen. Dann gibt es durch Unfälle verunsicherte Landwirte und unerfahrene Quereinsteiger, die den stressarmen Umgang mit den Tieren lernen wollen. Aber auch erfahrene Betriebe, die das Gefühl haben, dass ihre Art der Arbeit mit den Tieren noch reibungsloser sein könnte, melden sich bei mir“.

Grafik 1: das Sichtfeld einer Kuh
Grafik 1: das Sichtfeld einer Kuh

Die Regeln des „Low Stress Stockmanship“
Durch die seitlich am Kopf stehenden Augen haben Rinder fast eine Rundumsicht, jedoch ist der dreidimensionale Bereich ihres Blickfeldes, in dem sie mit beiden Augen sehen (s. Grafik 1) dafür relativ klein. Sie möchten jedoch immer sehen, wer sie treibt. Obwohl die Wiederkäuer nur halb so gut sehen wie Menschen, gehen sie immer in die Richtung, in die sie schauen.
Ihr Hörsinn dagegen ist viel feiner als der des Menschen, sodass sie empfindlich auf Geräusche reagieren. „Eine zufriedene Kuhherde ist eine leise Kuhherde“, ist sich Wenz sicher. Deswegen lautet seine Devise: kein Rufen, kein Schnalzen, kein Pfeifen, kein Klatschen.
die fünf Gebote des "Low Stress Stockmanship"
die fünf Gebote des "Low Stress Stockmanship"
Auch Anfassen ist bei der Technik des „Low Stress Stockmanship“ nicht erlaubt, da die Tiere den Menschen auch so bemerken. Die wichtigste Benimmregel gegenüber dem Tier lautet: Wenn ich das Auge der Kuh sehe, sieht sie mich auch.
Außerdem haben sie wenig Geduld und konzentrieren sie sich nur auf eine Sache.
Was der Trick hinter dem magischen Aufstehen einer gemütlich in der Box liegenden Kuh ist, deckt der letzte Grundsatz des Rinderflüsterers auf: Bewegung erzeugt Bewegung. „Anstatt sich mit dem liegenden Tier zu beschäftigen, bringe ich die Laufwilligen in Bewegung“, so Wenz. Diese Dynamik überzeugt auch die letzte bequeme Kuh, sich in Gang zu setzen.
 
Grafik 2: die drei Zonen um die Kuh
Grafik 2: die drei Zonen um die Kuh

Die drei Zonen um die Kuh
Was aber tun, um die Kuh nicht nur zum Aufstehen zu bewegen, sondern sogar zu lenken? Dazu erklärt Wenz die Zonen um jedes Tier: Nimmt die Kuh die Person wahr, kommt man von der neutralen in die „Beobachtungszone“. Kommt man nun dem Tier noch näher, tritt man in die „Bewegungszone“ ein – jener Bereich, in dem die Kuh mit Bewegung auf Änderungen der Position, des Winkels oder der Gehgeschwindigkeit des Treibers reagiert (s. Grafik 2).
Dies nutzt der Treiber aus. Die Abstände sind zwar bei jedem Tier individuell, das Prinzip bleibt aber gleich: Der „Low Stress“-Treiber weicht jedes Mal wieder zurück, sobald das Tier ein paar Schritte nach vorne geht. Dieses „Druck wegnehmen“ ist die Belohnung für die Kuh – sie merkt, dass es sich lohnt, zu gehen. „Alles ist ein Spiel von Druck geben (näher kommen) und Druck nehmen (zurückweichen)“, kommentiert Wenz.
Demselben Prinzip folgt er bei Routinearbeiten wie der oralen Eingabe von Medikamenten: dazu legt er den Finger in den Maulwinkel und wartet, bis das Tier sich entspannt. Erst dann bringt er es dazu, das Maul weiter zu öffnen, um etwas eingeben zu können.
Genauso beim Blutprobennehmen aus der Schwanzvene: „Wenn das Tier bei meiner Berührung den Schwanz anspannt, warte ich einen Moment. Danach kann ich ihn ohne Gegendruck anheben.“
Die Kühe laufen bei ihm selbst in den Klauenstand. Dazu empfiehlt er, allen Färsen einmal fünf Minuten Zeit zu geben, um den Stand kennen zu lernen und sie drei Mal hindurch zu führen. Denn was die Tiere stört, sei weniger der Schmerz bei der Behandlung, sondern das Unbekannte und der Zwang, hineingehen zu müssen.
Früher musste der Klauenpfleger auf die Kooperation des Tieres zählen – er konnte das Bein nicht anheben, wenn es nicht entlastete. „Moderne Technik macht es möglich, auf die Kooperation des Tieres zu verzichten. Obwohl sie ein Segen ist, lädt sie dazu ein, gegen das Tier statt mit ihm zu arbeiten“.
 
Auch Clemens hat den Kniff verstanden. Nach dem „Knigge-Training“ mit Philipp Wenz bringt auch er die Kuh zum Aufstehen – ganz ohne Laufen, Anfassen oder Rufen.

Teilnehmer des Stockmanship-Workshops
Foto: Tischer

gute Stimmung herrschte auch beim Theorieteil
Foto: Magner



 

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