Precision Dairy Conference 2016

Die Kalbung vorhersagen

Kalbung vorhersagen

Gerade nachts kalben Kühe oft unbemerkt. Das kann bei Schwergeburten zum Problem werden. Technische Hilfsmittel können die Kalbung ankündigen. Doch braucht es "Spezialwerkzeug" oder reichen handelsübliche Aktivitätsmesser aus?

Insbesondere in kleinen und mittleren Herden kann nicht rund um die Uhr jemand die Kalbungen überwachen. Im schlimmsten Fall kommen Kuh oder Kalb zu Schaden, wenn zu spät jemand eingreift. Sensoren, die den Kalbezeitpunkt ankündigen oder den Betreuuer alarmieren, könnten Abhilfe schaffen. Doch wie weit ist die Technik hier?

VelPhone: Technisch einwandfrei, aber unzufriedenere Kühe

Medria hat das VelPhone entwickelt. Dabei handelt es sich um ein Thermometer, das in die Scheide der Kuh eingelegt wird. Dort überwacht es die Temperatur und sendet eine SMS an den Landwirt, 24 bis 48 Stunden vor dem Beginn der Kalbung. Eine zweite SMS wird versendet, sobald das VelPhone mit den ersten Wehen ausgestoßen wird.

In einer Studie (Lind et al. 2016) mit neun Test- und acht Kontrollkühen wurde überprüft, ob das System Kalbungen tatsächlich richtig erkennt. Die Scheide der Kühe wurde gereinigt, desinfiziert und das Thermometer eingeführt (Test) oder nichts weiter getan (Kontrolle). Im Schnitt benötigten die Wissenschaftler dazu rund 14 Minuten. Bei acht von neun Testkühen erkannte das Alarmsystem die Kalbung sicher ein bis zwei Tage vorher. Allerdings wölbten die Testkühe signifikant häufiger den Rücken auf, hoben den Schwanz und koteten ab. Fazit: Technisch funktioniert das System sehr gut. Allerdings steht zu befürchten, dass das vaginale Thermometer Kühen Unbehagen bereitet, was gegen die positiven Effekte abgewogen werden muss.

Kalbung mittels Aktivitätsmesser am Schwanz vorhersagen?

Vor der Kalbung verändern Kühe ihr Verhalten und ihre Körperhaltung. Daher kam die Frage auf, ob man diese Veränderungen nutzen kann, um die Kalbung mittels eines Aktivtätsmessers am Schwanz vorherzusagen. Wissenschafter aus Wien (Krieger et al. 2016) nutzten dazu den Ohrmarken-Sensor "Smartbow". Etwa eine Woche vor der Kalbung befestigten sie die Sensoren mit Klebeband am oberen Teil des Schwanzes von fünf Versuchskühen in einer Tiefstreu-Abkalbebox.

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Foto: Drillich
Mittels Videoaufnahmen wurde das Verhalten der Kühe überwacht: Wie häufig und wie lange hoben die Kühe fünf Stunden vor der Kalbung den Schwanz? Wann platzte die Fruchtblase? Wann wurde das Kalb tatsächlich geboren? Mithilfe dieser Videoaufnahmen erstellen die Forscher einen Algorithmus und eine Entscheidungsfunktion für das Programm.

Ergebnis: Bei jeder der fünf Kühe wäre nun ein Alarm zwischen 16 und 160 Minuten vor der Kalbung abgesetzt worden. Es scheint also, als seien Aktivitätsmesser grundsätzlich in der Lage, eine Kalbung anzukündigen. Allerdings vergeht bis zu einem Praxiseinsatz noch Zeit. Weitere Forschung ist nötig, um den Algorithmus genauer auszuarbeiten oder auch eine Schwergeburt richtig zu erkennen.

Mit Halsbändern Kalbetermin schätzen

Aber würden auch normale Aktivitätsmesser reichen? Forscher der Universität Kentucky (Borchers et al. 2016) nutzten kombinierte Daten aus einem Aktivitäts- und Wiederkausensor (HR-Tag) und einem Liegesensor (Anzahl der Schritte, Liegezeit, Stehzeit, Bewegung insgesamt; IceQube) von 20 Färsen und 31 mehrkalbigen Kühen. Dann verwendeten sie verschiedene Analysemethoden, um die bestmögliche Vorhersagemethode abzuschätzen. Mithilfe einer Methode konnte der Tag vor der Kalbung sehr genau bestimmt werden (Sensitivität / richtig positiv = Kalbung tritt wirklich ein: 100%, Spezifität / falsch negativ = Kuh kalbt, System sagt aber nicht Bescheid:  87%). Der Acht-Stunden-Zeitraum, in dem die Kalbung dann am Kalbetag begann, konnte mit zufriedenstellender Sicherheit festgestellt werden (Sensitivität 86%, Spezifität 80%).

Fazit: Es ist künftig sicherlich möglich, auch Sensordaten wie durch Aktivitätsmesser zur Vorhersage des Kalbezeitpunktes zu nutzen. Kommerziell erhätlich ist damit jedoch noch keine Software.

C. Stöcker

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