Leistung und Langlebigkeit bei Milchkühen – ein Widerspruch?

SidybySide

Anfang November lud die Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde DGfZ zu einem Fachsymposium nach Hannover ein, um das Thema Leistung und Langlebigkeit bei Milchkühen zu diskutieren. Ergebnis: Anscheinend ist die Genetik (wenn überhaupt) nur bedingt Schuld an der geringen Nutzungsdauer der Milchkühe in Deutschland.

Schaden hohe Milchleistungen der Tiergesundheit? Beeinflussen hohe Leistungen die Nutzungsdauer negativ? Um dieses hochaktuelle und oftmals sehr kontrovers diskutierte Thema sachlich fundiert zu beleuchten, haben sich Tierzüchter, Physiologen und Tierernährer aus Wissenschaft und Praxis in Hannover ausgetauscht.

Über welch ein enorm genetisches Potenzial moderne Milchkühe verfügen, zeigt die die schwarzbunte Holsteinkuh Heyke (Betrieb Rolfes, Friesoythe; Ostfriesland). Sie befindet sich mittlerweile in der 10. Laktation, bislang hat sie  knapp 190.000 kg Milch gemolken, im Durchschnitt 30,9 kg Milch pro Lebenstag!

6,5 Laktationen solltes es sein

Prof. Dr. Hermann Swalve (Universität Halle) zeigte auf, dass die Nutzungsdauer der deutschen Milchkühe (Holsteins wie auch Fleckvieh) in den vergangenen zehn Jahren kaum zugelegt hat. Von den aus ökonomischer Sicht geforderten 6,5 bis 7,5 Laktationen seien die deutschen Kühe noch weit entfernt. Allerdings lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den im Westen und den in den neuen Bundesländern beheimateten Kühen beobachten. Während im Westen die Kühe rund 37 Monate lang Milch geben, verlassen die ostdeutschen Kühe etwa drei bis vier Monate früher die Ställe (Nutzungsdauer liegt hier bei rund 33/34 Monaten). Die doch auffälligen Unterschiede lassen sich eigentlich nur durch Qualitätsunterschiede beim Herdenmanagement erkläre. Schließlich ist die Genetik die gleiche, so Swalve.

Seit nunmehr etwa zehn Jahren ist der genetische Trend (ausgedrückt durch die wichtigsten Relativzuchtwerte) stark ansteigend. Das bedeutet, dass z.B. auch die Nutzungsdauer sich positiv entwickeln wird. Im Geburtsjahr 2013 lag der mittlere Relativzuchtwert Nutzungsdauer  von deutschen Holsteinbullen (RZN) bei 122, im Jahr 2006 noch bei 98.

RZN
Die Zuchtwerte für Nutzungsdauer (RZN) weisen einen positiven Trend auf.

Ebenfalls eine positive Auslenkung erfahren hat der RZfit (10 % Milchleistung, 90 % Gesundheistmerkmale). Den Holsteinbullen des Geburtsjahres 2013 wird ein RZfit von 125 zugeschrieben und damit etwa 27 Punkte mehr als noch vor zehn Jahren.

Einen guten Cent pro Liter Milch kostet ein 10 %iger Unterschied bei der Bestandergänzung die Remontierung (35  vs. 25%)bei einem Leistungsniveau von 8,000 kg Milch pro Kuh und Jahr. Im Fall, dass rund der halbe Bestand ausgetauscht werden muss (50 % Remontierung , sogar 2,0 Cent/kg Milch).

Ein Blick auf die Ergebnisse der Testherden der Rinderallianz Mecklenburg-Vorpommern sowie der Rinderallianz Brandenburg (20.000 Kühe) zeigt, dass sich seit dem Jahr 2000 rund 75 % der Zwangsabgänge in der ersten Laktation auf vier sich vier „Problembereiche“ zurückführen lassen. Hauptabgangsursache sind seit Jahren unverändert Eutererkrankungen mit ca. 22 % (in der ersten Laktation), gefolgt von Fruchtbarkeitsproblemen mit 21 % (stark zunehmender Trend), Problemen mit den Fundamenten (15 %, stabiler Trend) und Stoffwechselerkrankungen (14 %, zunehmender Trend). Zudem stellte sich heraus, dass Kühe mit einem mittleren BCS in der ersten Laktation (Score 5 auf einer Skala von 1 bis 9) am längsten in der Herde verweilen.

Von Seiten der Zucht lässt sich hier also noch einiges verbessern, denn sowohl die Euter- als als auch die Klauengesundheit können heute schon züchterisch bearbeitet werden! Die Stoffwechselgesundheit verlangt hingegen nach einer stärkeren züchterischen Bearbeitung, so Swalve. Dafür nötig wäre allerdings der Ausbau der Zuchtwertschätzung für Gesundheitsmerkmale, eine Zuchtwertschätzung für das Kuhgewicht und die Futteraufnahme.

Deutschland bei Milchleistung fast schon abgehängt

Dr. Reinhard Reents vom VIT (Verden) erörterte die Frage, ob die Milchleistung Schuld ist an den relativ geringen Nutzungsdauer. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die deutsche Holsteinpopulation im internationalen Vergleich bei der Milchleistung eher im unteren Mittelfeld angesiedelt ist. In vergleichbaren Ländern würden die Kühe 1.000 bis 2.000 kg Milch mehr geben pro Laktation. Zudem betrage seit 2007 im internationalen Vergleich die Leistungssteigerung noch nur noch 50 % (+ 77 kg/Jahr).

Milch
In mehreren Ländern geben die Kühe mehr Milch als in Deutschland.

Probleme sieht Reents vorallem in den neuen Bundesländern. Hier fällt die Nutzungsdauer deutlich geringer aus als in Westdeutschland, Während im Westen, unabhängig von der Betriebsgröße die Nutzungsdauer einer Holsteinkuh etwa 1.150 Tage beträgt, fällt diese in Ostdeutschland rund 100 Tage geringer aus. Zudem sinkt in den neuen Bundesländern mit zunehmender Herdengröße die Nutzungsdauer. Zurückzuführen sie dieser Effekt auf unterschiedliche Managementpraktiken.

Reents ist sich sicher, dass durch den Einsatz der Genomics die Lebensleistung der Holsteinpopulation in Deutschland in den kommenden Jahren weiter ansteigend wird, bis auf etwa 30.000 kg im Jahr 2020. Aber auch heute schon lasse sich durch den gezielten Einsatz von Bullen mit einem hohen RZN die Nutzungsdauer verbessern. Auswertungen hätten gezeigt, dass sofern nur die +25 % RZN Bullen besamt würden, im Vergleich zum Einsatz der -25 % RZN Bullen,  der Unterschied bei der Nutzungsdauer 209 Tage betrage.

Dr. Josef Pott (Masterrind) wies ins einen Ausführungen auf die Nachteile zu scharfer Kühe hin. Diese seien krankheitsanfälliger, hätten höhere Zellahlen, vermehrt Klauenprobleme, zeigten seltener eine Brunst, zeigten eine schlechtere Konzeption eine kürzere Nutzungsdauer! Sein Tipp: Kühe nicht zu groß und nicht zu scharf werden lassen, besser den runderen Typ bevorzugen!

Die negative Energiebilanz ist nicht Schuld

In Diskussionen wird derzeit verstärkt der negative Einfluss der negativen Energiebilanz zu Laktationsbeginn (NEB) auf die Nutzungsdauer hingewiesen (Göttinger Erklärung). Nachgewiesen ist, dass das Immunsystem Energie benötigt um optimal arbeiten zu können. Die Frage ist nur, ob die knappen Energievorräte vorrangig zur Milchproduktion genutzt werden und somit nicht dem Immunssystem zur Verfügung stehen?An der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) haben sich Physiologen intensiv mit dieser Problematik auseinander gesetzt. Laut Dr. Eger ist ein Einfluss der Energiebilanz schwierig nachzuweisen. So sind beispielsweise keine Effekte der Energiebilanz auf die Glukoseaufnahme zu beobachten. Auch reagierten nicht alle Kühe unterschiedlicher BCS-Gruppen gleich auf klinische Mastitiden oder Metritiden. „Das Immunsystem nimmt sich was es braucht!“

Prof. Dr. Klaus Eder von der Justus Liebig Universität Gießen (JLU) führte aus, dass Entzündungsprozesse in der Transitphase eine entscheidende Rolle für die Tiergesundheit in der Frühlaktation spielen. Unklar sei bislang jedoch noch, ob die Milchleistung einen direkten Einfluss auf diese Prozesse ausübt. Auf jeden Fall können innovative Fütterungskonzepte (z.B. Verabreichung entzündungshemmender Futterinhaltsstoffe, Traubentrester) dazu beitragen, derartige Entzündungsprozesse abzuschwächen.

Nutzungsdauer wird künstlich verkürzt!

Milchkühe werden oftmals zu früh gemerzt, damit wird die Nutzungsdauer „künstlich“ niedrig gehalten wird. Diese durchaus provokante These warf Prof. Dr. Enno Bahrs (Universität Hohenheim) in den Raum. Wenn jeder Milcherzeuger Färsen nicht selbst aufziehen würde, sondern sie für 1.600 Euro zukaufen müsste, wären die remontierungsraten in Deutschland signifikant geringer, so Bahrs. Der Betriebswirt empfahl weniger Färsen zu erzeugen und die Remontierungsrate bei nur 20 bis 25 % einzupahsen. Kühe die zur Nachzucht nicht geeignet sind sollten konsequent mit Bullen von Fleischrassen oder Zweinutzungsrassen belegt werden.

Fazit: Leistung und Langlebigkeit sind kein Widerspruch sondern eine Herausforderung!

Mueller
Die Nutzungsdauer lder Milchkühe ässt sich nach Ansicht von Prof. Dr. Kerstin Müller (FU Berlin) nur mit Hilfe eines umfangreichen Maßnahmenpakets erhöhen.

Einen Artikel mit weiteren Informationen zu diesem Thema finden Sie auch in Elite Ausgabe 6/2016. Den Artikel können Sie hier downloaden.

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