Nur auf wenige Merkmale züchten!

Konferenz

Vier Referenten aus den USA, Kanada und Deutschland gaben auf der Elite- Konferenz Herdenmanagement Tipps rund um die Stoffwechselgesundheit, Fruchtbarkeit, Zucht auf Funktionalität sowie das praktische Herdenmanagement.

Was können wir vom Verhalten der Kühe lernen? Diese Frage stellte Trevor deVries (Universität Guelph) im ersten Vortrag des Tages.

Um aus dem Verhalten lernen zu können, muss zuerst klar sein, welche Vorteile die Beobachtung des Kuhverhaltens bringen kann. Dabei geht es vor allem darum, die Kühe herauszufiltern, die mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. Darüber hinaus können mithilfe von Sensoren Probleme in der Stallumgebung (Liegeboxen-, Laufganggestaltung,...) aufgedeckt werden. Hier können die Daten dabei helfen, den Stall so zu verändern, dass es den Kühen besser geht. Sensoren machen vor allem in größer werdenden Herden Sinn, bei denen es nicht mehr ausreichend möglich ist, das Verhalten im Auge zu behalten. Da das Kuhverhalten über den Tag hinweg sehr unterschiedlich verläuft, reicht zudem eine einmalige Beobachtung am Tag nicht aus, ein objektives Bild des Verhaltens zu erhalten. DeVries konnte z.B. in Untersuchungen zeigen, dass man, um einen sicheren Wert für das Wiederkauen zu erhalten, im Schnitt 50 visuelle Beobachtungen pro Tag machen müsste.

Als ein wichtiges und aussagekräftiges Verhalten sind für deVries das Fress- und Wiederkauverhalten der Kühe. Über dieses Verhalten lässt sich z.B. frühzeitig eine Veränderung in der Trockenmasse-Aufnahme und damit das Risiko für Stoffwechselentgleisung aufspüren. So zeigten Kühe, die nach der Kalbung eine subklinische Ketose entwickelten, bereits eine Woche vor und zwei Wochen nach der Geburt eine verringerte Futteraufnahme. Neben der reduzierten Aufnahme zeigten diese Kühe auch ein verändertes Fressverhalten. Sie besuchten deutlich seltener den Futtertisch. Zeigten sie zehn Besuche weniger pro Tag, stieg das Risiko für diese Tiere an einer subklinischen Ketose zu erkranken um das 3,5 fache.

Nicht weniger als + 1.000 kg Milch

Tipps zur Zucht der modernen HF-Kuh gab Dr. Sven König (Universität Giessen). Dabei hob er hervor, dass Entscheidungen in der Zucht nur langfristig Auswirkungen auf die Herde zeigen. Dennoch ist und bleibt sie ein wichtger Managementfaktor. Derzeit steht im Fokus der Zucht vor allem die Verbesserung der Gesundheit der Kühe. König wies jedoch auf die geringe Heritabilität (niedrige Erblichkeit) hin. Bei Erblichkeiten von 5% (z.B. Puerperalstörungen) bis 10% (z.B. Weißer Linien Defekt) dauere es sehr lange über die Zucht die Gesundheit zu verbessern.

Er empfahl, zielgrichtet auf das Gesundheitsmerkmal zu züchten, das im Betrieb die meisten Probleme verursacht. Die Zucht auf dieses Merkmal sollte ca. vier bis fünf Jahre dauern. Dann sollte man sich einem anderen Gesundheitsmerkmal zuwenden. Als Beispiel zeigte er eine Herde mit zu hohen Zellzahlen, die durch eine Zucht mit dem Schwerpunkt Eutergesundheit, die Zellzahlen innerhalb einiger Jahre deutlich senken konnten. Fokussiert man sich jedoch auf zu viele Merkmale, blockiert diese Entscheidung den Zuchtfortschritt in Einzelmerkmalen (Pimental und König, 2013). Egal auf welches Merkmal gezüchtet wird, sollte nach Königs Meinung, der Leistungsaspekt nicht außer Acht gelassen werden. König betonte, dass er niemals einen Bullen mit weniger als +1.000 kg Milch einsetzen würde. "Setzen Sie auf Allrounder: Es gibt genügend Bullen mit mit +1.000 kg Milch und sehr guten funktionalen Merkmalen!"

Zu fette Kühe haben es immer schwer

Dr. James Drackley (University of Illinois) kennt als sehr erfahrener Wissenschaftler in der Fütterung von Holsteinkühen die Disskussion um die hochleistende Kuh, die Probleme in Gesundheit und Fruchtbarkeit hat. Aber gleich zu Beginn seines Vortrags zeigt er Studienergebnisse aus Praxisbetrieben, die beweisen, dass Kühe mit über 40 kg Milch im Herdenschnitt die besseren Fruchtbarkeitsergebnisse haben können, als Kühe in Herden mit geringer Milchleistung (77,6 % der Herde mit Zyklus am 65. Laktationstag anstatt 72,7 % bei 32,1 kg Milch; 39,3 % TU+ am 30. LT anstatt 37,2 % bei 32,1 kg Milch). Es ist also offensichtlich viel mehr eine Frage des Managements, wie erfolgreich, also ohne eine Stoffwechselentgleisung und Folgen, eine Kuh in die Laktation starten kann. Das A und O um dieses zu erreichen, ist es, dass die Kühe nicht überversorgt in die Abkalbung gehen, denn alle Kühe streben im Laufe ihrer Laktation eine Idealkondition an (Ziel-BCS). Zu dünne Kühe nehmen darauf hin zu, zu dicke Kühe nehmen ab, um ihn zu erreichen. Diesen Ziel-BCS erreichen dicke, fast stabile und dünne Kühe nach der Kalbung bei gleicher Fütterung fast gleichzeitig zwischen der 14. und 20. Laktationswoche. Er liegt heute niedriger als noch vor 20 Jahre. Zeigten Studien 1990 eine Ziel-BCS von 3,0, liegt dieser im selben Studienaufbau 2010 bei 2,5 (Garnsworthy).

Zur Kalbung fette Kühe (BCS 4 bis 5, max. 3,5) rutschen sehr extrem in das Problem der Körperfettmobilisation, denn das Körperfett führt bereits zwei Wochen vor der Abkalbung zu geringer Futteraufnahme-Lust. Das Fettdepot sendet Botenstoffe (NEFA: hohe NEFA im Blut führen zu Anstieg an Ketonkörpern im Blut, messbar als BHBA --> Kontrolle über BHBA-Test im Stall "Ketosetest"). Eine fette Kuh fängt nach dem Kalben, anders als eher dünne Kolleginnen, nicht an zu fressen und gerät so in das wesentliche größere Ausmaß einer negativen Energiebilanz mit deren Folgen von Fettleber, Ketose, Labmagenverlagerung, geringerer Fruchtbarkeit, Totalverluste... . Überversorgt muss aber nicht zwingend auch offensichtlich überkonditioniert sein. Denn Holsteinkühe, die zu energiereich in der Trockenstehzeit versorgt werden, lagern Fett auch von außen unsichtbar im Körper ein!

Dr. Drackley empfiehlt daher eine begrenzte Energieversorgung (ca. auf 10 kg Milch bilanziert) in der Trockenstehzeit, mit gleichzeitig hoher und stabil bleibender Trockenmasseaufnahme. Umgesetzt werden kann das etwa in einem einphasigen System über ein Verdünnen der Ration mit hochqualitativem, gehäckselten Stroh (4 bis 5 kg). Dabei sollen ähnliche/dasselbe schmackhafte Grundfutter wie in der (Früh-)Laktation gefüttert werden, damit sich der Pansen nicht auch noch umstellen muss (Stress). Möchte man das nicht, bleibt laut Drackley nur eine zweiphasige Fütterung in der Trockenperiode.

So wenig arbeit wie möglich mit 2.000 Kühe, aber Herausforderungen gesucht!

"Nicht machen, was alle machen", lautet das Motto von Tjeerd Terpstra. Der gebürtige Niederländer ist vor zwanzig Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern ausgewandert. In 2018 wird der Betrieb planmäßig 2.000 Kühe melken. Dies geschieht mit seiner Familie, seine Frau und sein Sohn sind mit im Betrieb, eine der zwei Töchter ist zudem Tierärztin und kümmert sich um die Bestandsbetreuung. Terpstras haben Fleckviehkühe, denn die sind die unkomplizierteren Milchkühe. Und die mögliche höhere Milchleistung der Holsteinkühe ist dem ehemaligen Holsteinzüchter heute egal: "Von der Milch alleine kann man nicht mehr leben". Er will die Kälber auch wirtschaftlich vermarkten können und das sind viele, denn Terpstra setzt auf "jedes Jahr ein Kalb". Verkauft wird jedes Kalb, besamt wird insbesondere mit Fleckvieh bzw. Weißblauen Belgiern. Und auch der Schlachtkuhverkauf soll sich lohnen, Schlachtgewichte von über 450 kg sind drin! Die Erlöse aus Kälbern und Schlachtkühen haben ein bestimmtes Ziel. Sie sollen die Kosten der abgekalbten Färsen zukünftig decken, denn die Jungviehaufzucht passt nicht mehr in den Betrieb, zu teuer, zu wenig Fläche. 400 abgekalbte Färsen – am liebsten "Fleckies" – pro Jahr zu kaufen zu müssen, dass ist die daraus resultierende große Herausforderung für die Terpstras. Klappt das nicht, dann muss er einen Aufzüchter finden, aber dass wird man dann sehen.

Gefüttert wird auch recht unkonventionell: Frischgras, Futterüben und Kompakt-TMR sind Fütterungsmaßnahmen, die zu seinem Motto passen: Das Bewährte erhalten und das neue Versuchen!


Mehr dazu und über weitere spannende Themen der Konferenz lesen Sie in der kommenden Elite!

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