Rinderpraktiker im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Qualität

Rinderpraxis
Foto: Veauthier

In einem Vortragsblock widmet sich der 8. Leipziger Tierärztekongress (14. bis 16. Januar 2016) explizit der „Ökonomie in der Rinderpraxis“ und beleuchtet die Bedeutung der Ökonomie im landwirtschaftlichen Betrieb, sowie ökonomische Rahmenbedingungen für den Rinderpraktiker. Darüber hinaus wird nachgefragt, wie die moderne Rinderpraxis auszusehen hat.

Der ökonomische Druck auf Veterinärmediziner in der Nutztierpraxis wächst durch Faktoren wie Wegfall der Milchquote zusehends. Es wird immer wichtiger mittels guter kommunikativer Fähigkeiten und Wirtschaftlichkeit zu überzeugen, um die Stellung als Kostenfaktor im landwirtschaftlichen Betrieb zu rechtfertigen.

„Die Ökonomie hat nicht nur in der Rinderpraxis sondern in allen Bereichen der Nutztierpraxis eine extrem große Bedeutung. Tierärztinnen und Tierärzte in der Nutztierpraxis sind neben ihrer Bedeutung als "Gesundheitshelfer" auch Kostenfaktor in einem ökonomischen Kreislaufsystems. Damit steht ihre Arbeit ständig auf dem Prüfstein der Kosteneffizienz und sie bekommen veränderte, ökonomische Rahmenbedingungen unmittelbar zu spüren.“, erklärt Prof. Dr. Jörg R. Aschenbach, geschäftsführender Direktor des Instituts für Veterinär-Physiologie an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des Vortragsblock „Ökonomie in der Rinderpraxis“. Die optionale Inanspruchnahme tierärztlicher Zusatzleistungen oder finanziell aufwändigere Behandlungsmethoden seien in der Nutztierpraxis sehr schwer zu vermitteln. Bei jeder Prophylaxe- und Behandlungsentscheidung müsse die Auswirkung auf das ökonomische Ergebnis des landwirtschaftlichen Betriebes mit berücksichtigt werden. „Eine „untere Grenze“ bei der Entscheidung für oder gegen tierärztliche Maßnahmen ist durch die tierschutz- und tierseuchenrechtlichen Bestimmungen gesetzt. Um einen Praxisgewinn oberhalb dieser Minimalleistungen zu erwirtschaften, müssen die Tierärztinnen und Tierärzte neben hoher fachlicher Kompetenz vor allem durch gute kommunikative Fähigkeiten und Wirtschaftlichkeit überzeugen“, so Aschenbach.

Tierärzte stehen als Kostenfaktor auf dem Prüfstand

Prof. Aschenbach ist sich sicher: Die aktuell größte Herausforderung für den Rinderpraktiker ist der Wegfall der Milchquote. Der Wegfall der Milchquote wird  zu einemenormen Strukturwandel in der Landwirtschaft führen. In den nächsten Jahren wird es einen drastischen Rückgang in der Zahl milcherzeugenden Betriebe geben. „Im Rahmen dieser anstehenden Konsolidierung und Globalisierung“, erklärt Aschenbach, „werden Tierärztinnen und Tierärzte als Kostenfaktor nachhaltig auf dem Prüfstand stehen. Um unseren Kolleginnen und Kollegen Handlungsempfehlungen für die Meisterung dieser schwierigen Lage zu geben, ist es extrem wichtig, dass wir ein klares Bild von der wirklichen Situation in der Rinderpraxis haben.“ Daher wurde von der Freien Universität Berlin eine Umfrage initiiert, welche die ökonomischen Rahmenbedingungen in der Rinderpraxis erörtern soll. Eine Auswertung dieser erfolgt zum 8. Leipziger Tierärztekongress im gleichnamigen Vortrag von Dr. Carolin Deiner vom Institut für Veterinär-Physiologie der Freien Universität Berlin.

Ökonomische Rahmenbedingungen in der Rinderpraxis

„Die ökonomischen Rahmenbedingungen haben eine entscheidende Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg einer Praxis. Insofern liegt für die Nutztierpraxis die Vermutung nahe, dass der beständige Preiskampf in der Agrarproduktion einen Einfluss auf Praxisertrag, Liquidität und Arbeitsbedingungen hat. Aussagekräftige Daten hierzu gibt es jedoch kaum“, erklärt Dr. Deiner.

Um eine entsprechende Datengrundlage für die Rinderpraxis zu erheben und Aussagen über die aktuellen Rahmenbedingungen treffen zu können, wurde im September 2015 ein Online-Fragebogen zu diesem Thema erstellt. Dieser soll im Wesentlichen ermitteln, wie die Arbeitsbedingungen in der Rinderpraxis und welche Klientel sowie tierärztlichen Leistungen die Hauptumsatzträger sind. Darüber hinaus stellen sich die Fragen, ob der Abschluss von Bestandbetreuungs- oder Beratungsverträgen eine gängige Praxis ist und ob in jüngster Zeit Kunden weggebrochen sind. Weitere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen, beziehen sich darauf ob Tierhalter ihren eigenen ökonomischen Druck verstärkt an die Tierärzte weitergeben oder sogar eine Verschlechterung der Zahlungsmoral feststellbar ist, in welchen Bereichen ein starker Wettbewerb mit anderen Berufsgruppen spürbar ist und welche Verdienste und Umsätze erzielt werden. Es gilt zu klären, wie sich die Kostenstruktur der Praxis aufbaut und wie viel Geld jährlich für die Erhaltung und Aktualisierung der Praxisausstattung aufgebracht werden muss.

Dabei handelt es sich um dringende Fragen, deren Antworten die Rinderpraktiker brauchen, um ihren eigenen Status quo richtig einordnen zu können und gegebenenfalls Anstrengungen des Berufsstandes zu unternehmen, um einem Praxissterben entgegen zu wirken.

Über den Leipziger Tierärztekongress und die vetexpo

Der Leipziger Tierärztekongress findet vom 14. bis 16. Januar 2016 statt. Die Industrieausstellung vetexpo öffnet am Freitag, 15. Januar und Samstag, 16. Januar 2016 von 8.00 bis 18.00 Uhr.

Der Leipziger Tierärztekongress und die Messe vetexpo werden von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, den sechs Tierärztekammern der Bundesländer Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie der Leipziger Messe GmbH veranstaltet.

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