Wissenschaft

Vorsicht mit Kortisolwerten bei Tierwohldebatte

Antistress
Hat diese Kuh wirklich keinen Grund zur Kortisolausschüttung? Foto: Daniel Stricker, pixelio.de

In Studien zum Tierwohl wird häufig der Glukokortikoidwert gemessen. Eine Aussage zum Tierwohl oder zur Tiergesundheit ist auf Basis dieser Werte jedoch schwierig...

Die Aussagekraft von Glukokortikoiden als Stressanzeiger ist sehr beschränkt – eine aktuelle Übersichtsarbeit erläutert die Wissenslücken und warnt vor falschen Schlüssen. Denn die vielgestaltigen Wirkungen der "Stresshormone" in den Zielgeweben sind über Blutwerte allein weder qualitativ noch quantitativ zu erfassen. Viele verschiedene Reize können eine Kortisolausschüttung beim Säugetier auslösen, so dass Rückschlüsse auf die Ursache nicht eindeutig sind. Nicht zuletzt stehen Studien vor dem Problem, „Stress“ und „Tierwohl“ auf eine der naturwissenschaftlichen Methodik zugängliche Weise zu definieren.

Definition von Stress

„Ein komplexer physiologischer Zustand, der ein Spektrum von integrativen und Verhaltensprozessen verkörpert, die bei einer tatsächlichen oder vermeintlichen Bedrohung der Homöostase in Gang gesetzt werden“. Der Vorteil dieser Definition liegt in der Fokussierung auf körperliche Prozesse, die auf Noxen adaptiv reagieren und ihre Bewältigung ermöglichen – also eine auf die wissenschaftliche Untersuchung von Stressreaktionen im Alltagsleben eines Tieres angepasste Definition.

Stress und Tierwohl

Die Bestimmung von Glukokortikoiden wird in wissenschaftlichen Studien oft als Indikator einer Stressantwort genutzt, die dann meist mit gefährdetem Tierwohl in Verbindung gebracht wird. Dabei wird oft übersehen, dass Stressantworten bei gesunden Tieren eine Anpassungsreaktion sind. Beim Menschen geht man davon aus, dass kurzzeitige (akute) Stressreaktionen meist positiv und adaptiv sind, wohingegen sich eine wiederholte oder lang andauernde Aktivierung der Stresssysteme nachteilig auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirkt. Diese Differenzierung könnte auch beim Tier relevant sein – dies ist aber nicht durch die Messung von Glukokortikoiden prüfbar. Allerdings müssen wiederholte Stressantworten nicht automatisch negativ und auch einmalige akute Stressreaktionen können gesundheitsschädlich sein.

Auslöser der Stressantwort: unklar

Ursache einer Kortisolausschüttung könnten auch Angst, Freude oder Hypoglykämie sein. Welcher Grenzwert soll als kritisch angesehen werden? Es gibt zwar Grundlagenforschung zu den neuronalen Signalen, die zur Aktivierung einer Stressantwort bei verschiedenen Gemütszuständen führen, zur Anwendung in Tierwohl-Fragen sind diese Erkenntnisse aber (noch) nicht ausreichend. 

Viel Forschungsbedarf zur Stresswahrnehmung von Tieren

Die Frage nach der Ursache der Stressantwort und die genaue Kenntnis der durch sie ausgelösten physiologischen Reaktionen sind entscheidend für die Beurteilung des Tierwohls. Beides ist nicht durch einen gemessenen Kortisolspiegel zu beantworten. Stattdessen sollte genauer erforscht werden, wie Stressoren wahrgenommen werden, welche Signale wesentlich für das Auslösen einer Stressreaktion sind und wie die Stresshormone in ihren verschiedenen Zielgeweben wirken und metabolisiert werden. Diese Punkte sind für das Tierwohl wesentlich und ihre wissenschaftliche Klärung dürfte die entsprechenden Debatten deutlich voranbringen. Die zahlreichen Unklarheiten, die sich aus der Glukokortikoid-Messung und ihrer Interpretation ergeben, dürften dann der Vergangenheit angehören. 

Quelle: vetline.de

Ralph CR, Tilbrook AJ (2016): The usefulness of measuring glucocorticoids for assessing animal welfare. J Anim Sci 94: 457–470.

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