Tierwohl und Umweltschutz dürfen sich nicht ausschließen!

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Schweine auf der Versuchsstation der Universität Hohenheim | Foto: Universität Hohenheim / Sacha Dauphin

Es ist ein ethischer Konflikt: Bei der Nutztierhaltung können Tierwohl, Tiergesundheit und Umweltschutz durchaus miteinander in Konflikt stehen. Neue Forschungsprojekte zielen deshalb auch darauf, die hohen Ansprüche beider Ziele in Einklang zu bringen.

Ermutigende Beispiele und weiteren Handlungsbedarf präsentierten Wissenschaftler auf der Pressekonferenz der 13. Internationalen Tagung „Bau, Technik und Umwelt in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung“ (BTU) an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

„Der Trend geht zu frei gelüfteten Ställen“, erläuterte Prof. Dr. Thomas Jungbluth, Agrartechniker vom Fachgebiet Verfahrenstechnik der Tierhaltungssysteme an der Universität Hohenheim das Spannungsfeld, in dem sich die Forschung derzeit bewegt. „Das ist für die Tiere angenehmer als die herkömmliche Ventilatorlüftung.“

„Dagegen wehren sich wiederum Anwohner, die den Stallgeruch nicht mehr akzeptieren, und die Emissionen sind umweltschutzrechtlich relevant. Wir brauchen zur Lösung dieser Zielkonflikte daher Haltungssysteme und bauliche Lösungen, die Tierwohl, Umweltschutz und Verbraucherakzeptanz unter einen Hut bringen.“

Aber es gebe bereits ermutigende Ergebnisse, die Tierwohl, Umweltschutz und Verbraucherakzeptanz zusammenbringen: das Projekt „Label fit“ zum Beispiel. „Der Tierschutzbund setzte mit seinem Tierschutzlabel neue Maßstäbe auch für die Verbraucher“, so Prof. Dr. Jungbluth. „Wir entwickeln und bewerten in dem Pilotprojekt tier- und umweltgerechte Haltungssysteme für Schweine und beraten Bauern, die ihre Anlagen modernisieren möchten.“

„Nutztiere leben in von Menschen gestalteter Umgebung“

Prof. Dr. Nicole Kemper von der Tierärztlichen Hochschule Hannover ging auf tiergerechte Nutztierhaltung ein: „Viele Tiere und ganz besonders Nutztiere befinden sich lebenslang in einer vom Menschen gestalteten Umgebung. Diese Umwelt muss für die Tiere tiergerecht gestaltet werden. Tiergerecht sind Haltungssysteme dann, wenn folgende drei Punkte ermöglicht werden: Tiergesundheit, Wohlbefinden und das Ausleben natürlicher Verhaltensweisen.“

Dies lasse sich unabhängig von der Betriebsgröße realisieren. „Dabei ist Tiergesundheit nicht gleich Wohlbefinden“, so Dr. Kemper weiter. „Auch gesunde Tiere können in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt sein.“ Es könne zu Zielkonflikten zwischen Gesundheit und Wohlbefinden kommen.

„So ist organisches Beschäftigungsmaterial dem Wohlbefinden von Schweinen sehr förderlich, allerdings können anhaftende Mikroorganismen oder Pilzgifte die Tiergesundheit beeinträchtigen.“ Um diese Zielkonflikte auszuloten und zu lösen, werde in einem Forschungsprojekt untersucht, welche Belastungen Beschäftigungsmaterialien aufweisen und wie lange diese vorhanden sind.

„Nutztierhaltung braucht exaktere Bewertung der Haltungssysteme“

Zu Haltungssystemen und deren Bewertung erklärte Prof. Dr. Eberhard Hartung von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Präsident des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (KTBL): „Die zukünftige Herausforderung wird sein, praxistaugliche innovative Haltungssysteme zu entwickeln, die den Anforderungen von Tier- und Umweltschutz besser gerecht werden und sich sowohl für Umbaumaßnahmen als auch Neubauten eignen.“

Darüber hinaus seien Indikatoren und Kriterien zu entwickeln bzw. zu verbessen, damit die Haltungsbedingungen – auch im Betrieb – besser beurteilt und entsprechend kontinuierlich bedürfnisorientiert angepasst werden könnten. So ließen sich die Auswirkungen unterschiedlich ausgestalteter Haltungssysteme bzw. die Veränderung einzelner Bestandteile dieser Systeme auf Tier und Umwelt klar und vergleichbar darstellen.

„Hierzu wird der von KTBL organisierte und koordinierte nationale Bewertungsrahmen – in dem erstmals eine transparente und fachlich allgemein akzeptierte Bewertung von Haltungsverfahren für eine Vielzahl landwirtschaftlicher Nutztiere hinsichtlich Tier- und Umweltschutz erfolgte – so angepasst, optimiert und erweitert werden, dass er anwenderfreundlicher gestaltet und interaktiv über das Netz nutzbar wird."

„Wir brauchen für mehr Umweltschutz verlässliche Daten zu Stall-Emissionen“

Die größte Herausforderung bei der Bewertung der Umweltgerechtheit von Haltungssystemen sei, dass gerade für viele neue innovative Haltungssysteme keine belastbaren Emissionsfaktoren vorhanden seien, so Prof. Dr. Hartung weiter. „Hier ist es besonders wichtig, national und international akzeptierte Emissionsfaktoren zu ermitteln.

Zurzeit würden in zwei Projekten solche Daten erhoben: im Projekt „Ermittlung von Emissionsdaten für die Beurteilung der Umweltwirkungen der Nutztierhaltung (EmiDaT)“ sowie im „Verbundvorhaben Emissionsminderung Nutztierhaltung – Einzelmaßnahmen (EmiMin)“.

„Verstärkter Elektronikeinsatz in der Tierhaltung sinnvoll“

Zur Erfassung von Tiergesundheit und Wohlbefinden könnten auch der Einsatz von Elektronik sinnvoll sein (sog. Precision Livestock Farming). „Neue Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung bieten zusätzliche Chancen zur Verbesserung von Tierschutz und Umweltschutz sowie zum Management in einer rentablen Tierhaltung“, erklärte Prof. Dr. Jungbluth. „Als Beispiele seien genannt: die Entwicklung neuer UHF-Transponder, Sensoren zur Erfassung von Körperzuständen, Tierortung im Stall und Systeme zum Gesundheitsmonitoring.“

„So ist die Beurteilung von Lahmheiten bei Kühen über den Trittschall sehr sensibel möglich“, ergänzte Prof. Dr. Kemper. „Solche Hilfsmittel unterstützen den Tierhalter, sie ersetzen aber nicht eine gute Tierbeobachtung und -betreuung. Die Beurteilung des Wohlbefindens setzt entsprechende Kenntnisse sowohl über die Bedürfnisse der Tier als auch über mögliche Indikatoren zur Bewertung voraus.“

Quelle: Prof. Dr. Thomas Jungbluth, Universität Hohenheim, Institut für Agrartechnik, Fachgebiet Verfahrenstechnik der Tierhaltungssysteme

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