Parasiten in der Rinderhaltung

Die Balance halten

Lungenwürmer

Ein Rind isst selten allein: Parasiten verursachen bei entsprechend starkem Befall große Schäden im Tier.

Dr. Barbara Hinney, Fachtierärztin für Parasitologie an der veterinärmedizinischen Universität Wien, und Dr. Annette Brune, Tierärztin bei Boehringer Ingelheim, informierten über die Wichtigkeit der Parasitenkontrolle den verantwortungsvollen Umgangs mit Anthelminthika.
 
„Parasiten gehören zum Leben dazu, man kann Tiere nicht komplett parasitenfrei bekommen und das ist auch nicht unser Ziel“, sagte Dr. Hinney. Es gilt vielmehr, ein Gleichgewicht zu erhalten zwischen der Prävention parasitärer Erkrankungen und gleichzeitiger Stimulation des Immunsystems, damit sich der Organismus besser gegen die Parasiten wappnen kann. Abhängig von Jahreszeit und Entwicklungszyklus leben laut Dr. Brune nur 10 % der Würmer im Tier, 90 % befinden sich als Ei- oder Larvenstadium außerhalb im Gras oder Kot. Die wichtigsten Würmer beim Rind sind die Magen-Darm-Nematoden (vor allem Trychostrongyliden wie der braune Magenwurm Ostertagia ostertagi), sie kommen in allen Betrieben vor. Von Lungenwürmern (Dyctyocaulus viviparus) sind etwa 70 % der Betriebe betroffen und Leberegel findet man in bis zu 50 % der Betriebe. Die Tiere nehmen die Eier oder Larven der Parasiten auf der Weide auf, aber auch im Stall bei Grasfütterung. Vermehrte Todesfälle können insbesondere bei erstsömmrigen Kälbern auftreten, ansonsten bedroht ein Parasitenbefall die Leistung der Tiere und damit die Wirtschaftlichkeit der Tierhaltung.
 
Erst Diagnose, dann behandeln
Für die Diagnose, ob Tiere unter Würmern leiden, ist der Vorbericht ganz wichtig: wie werden die Weiden genutzt, wie sieht deren Management aus sowie die klinischen Symptome. Nachweisen lassen sich die Magen-Darm-Parasiten über die Eizahl im Kot (Vorsicht diskontinuierliche Ausscheidung!) oder über einen Antikörpertest in Milch oder Blut. Für die Kontrolle der Infektionen gibt es keine allgemeingültige Strategie. Wichtig ist hierbei die Vermeidung von Resistenzen gegen die verfügbaren Anthelminthika. „Derzeit sieht die Situation bei Rindern in Deutschland noch recht gut aus, doch beim Schaf gibt es bereits Probleme. Umso wichtiger ist es daher, dass wir umsichtig handeln, um uns die Wirksamkeit so lange wie möglich zu erhalten“, sagte Dr. Brune. Gängige Entwurmungsmittel sind beispielsweise die makrozyklischen Laktone wie Ivermectin und Eprinomectin. Generell sollte vor deren Einsatz immer erst eine Diagnose stattfinden, um welchen Parasit es sich handelt und wie stark der Befall ist. Für die Behandlung ist es wichtig, das Produkt in der richtigen Dosierung anzuwenden.
 
Wurmrefugien erhalten – Resistenzen vermeiden
Es gibt verschiedene Behandlungsstrategien: prophylaktisch, metaphylaktisch und therapeutisch. Je nach Wirkstoff und Kontamination der Weide sind ein bis drei Behandlungen in der Weidesaison nötig. Prophylaktisch behandelt man mittlerweile nicht mehr alle Tiere, sondern bspw. nur die erstsömmrigen Jungtiere, da diese am empfindlichsten gegenüber Parasitenschäden sind.  In der modernen Parasitenbekämpfung wird das Prinzip der selektiven Entwurmung angestrebt. Dabei werden den Parasiten Refugien gelassen, in denen sie unbehandelt bleiben. Denn einige Würmer haben die erbliche Fähigkeit, eine normalerweise effektive Dosis eines Anthelminthikums zu überleben. Kämen alle Würmer in Kontakt mit dem Präparat, wird die Resistenz gefördert, denn es werden mit der Zeit nur noch resistente Würmer überleben.
 
Kein Dose-and-Move mehr
Das als Dose-and-Move bekannte Verfahren – alle Tiere entwurmen und dann auf eine saubere Weide bringen – wird nicht mehr empfohlen: Auf dieser sauberen Weide befinden sich dann bald nur noch resistente Würmer, eine erneute Verwurmung der Tiere könnte mit den bisherigen Anthelminthika nicht mehr mit voller Wirksamkeit behandelt werden. Manche Anthelminthika gibt es als Bolus; auch von dessen Einsatz rät Dr. Hinney ab, da durch die Gefahr der Unterdosierung ebenfalls Resistenzen gefördert werden können. Eine Aufstallungsbehandlung empfiehlt sie bei unzureichender Bekämpfung während der Weidesaison und bei sehr hohem Infektionsdruck. Dazu sind Mittel mit Wirkung auf die inhibierten Larven, die ansonsten im Tier überdauern, zu bevorzugen.
 
Ausblick
Wissenschaftler entwickeln derzeit sogenannte "targeted selective treatments", also Strategien und Kriterien, wie behandlungswürdige Tiere ausgewählt werden können. In Frage kommen der Pepsinogenlevel als Indikator für die parasitäre Gastroenteritis, die Antikörper gegen Ostertagia ostertagi, die Weide-Vorgeschichte, der Grad der Verschmutzung der Tiere oder auch eine Zufallsauswahl eines gewissen Prozentsatzes der Herde. Hintergrund ist, dass so die Anthelminthika strategischer eingesetzt werden können mit dem Ziel, dass resistente Würmer nicht Überhand nehmen können. Verlässliche Strategien sind in ca. 2 Jahren zu erwarten.
 

Erstsömmrige auf der Weide

Als Kasten: 10 Tipps für das Weidemanagement
  • Jungtiere nicht auf kontaminierte Altkuh-Weiden lassen
  • Altersgruppen getrennt auf Weiden schicken
  • Trockenlegen bzw. großflächiges Auszäunen von feuchten Stellen auf der Weide        Grünfutter nicht von kontaminierten Weideflächen verfüttern
  • Keine Gülle auf Futterflächen zu Vegetationsbeginn
  • Ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen,um das Immunsystem zu stärken
  • Befall dokumentieren mittels Diagnostik
  • Regelmäßige Parasitenbehandlungen bei nachgewiesenem Befall
  • Von kontaminierten Flächen sollte kein Heu gewonnen werden, den Aufwuchs lieber silieren
  • Bestes Grundfutter, beste Haltungsbedingungen und kein Stress für die Kühe, um das Immunsystem zu stärken
Ein Beitrag von Dr. Heike Engels

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