Tierzucht

Langlebigkeit statt überhöhte Milchleistung

AVA
screenshot: www.ava1.de

Die Göttinger Erklärung 2016 der Agrar- und Veterinärakademie (AVA) fordert ein Umdenken in der Tierzucht mit Priorität auf robuster Gesundheit.

Anlässlich der 16. AVA‐Haupttagung in Göttingen beschäftigen sich die Referenten aus Landwirtschaft und Veterinärmedizin mit der wirtschaftlichen Belastung der Milch erzeugenden Betriebe durch hohe Erkrankungsraten und vorzeitige Abgänge der Milchkühe. Die Teilnehmer waren sich einig: Erkrankungsraten bei milchbetonten Rinderrassen von weit über 50 Prozent und hieraus resultierende hohe Abgangsraten in der ersten Laktation sind sowohl veterinärmedizinisch als auch im Hinblick auf die Akzeptanz durch die Verbraucher, nicht mehr hinzunehmen. Die anwesenden Tierärztinnen und Tierärzte der Nutztierpraxis sahen dringenden  Handlungsbedarf, um diese unerwünschten Entwicklungen in der Tierzucht zu stoppen.

Management kann nicht primär Fehlentwicklungen in der Tierzucht kompensieren

Es besteht kein Zweifel, dass die erfolgte Steigerung der Milchleistung mit hohen
leistungsbedingten Erkrankungsraten (≥ 60 % aller Kühe pro Laktation) und daraus
resultierenden frühen Abgängen verbunden ist. Die zurzeit sich ergebende Nutzungsdauer
von < 3 Laktationen erfolgt vor dem Leistungsoptimum der Kühe in der 4. – 6. Laktation und
vor der ökonomisch optimalen Laktationszahl von 6 – 7 Laktationen.

Eine höhere Milchleistung erfordert zwingend eine entsprechend höhere Futteraufnahme.
Ist dies nicht gewährleistet, verlängert sich die negative Energiebilanz (NEB) der Milchkuh bis weit über 100 Tage nach dem Abkalben. Nicht alle Betriebsleiter sind in der Lage, diese Phase durch qualifizierte Managementmaßnahmen zu kompensieren. Und so stoßen in der Praxis mehr und mehr Milchviehhaltungen an die Grenze ihrer Möglichkeiten. Stoffwechselstörungen und eine Vielzahl von Folgeerkrankungen sind unausweichlich. Ein solches Ausmaß der negativen Energiebilanz bei hochleistenden Milchkühen ist aus tiergesundheitlichen und Tierschutzgründen abzulehnen.

Schwerpunkt der Zuchtkriterien auf Tiergesundheit und Nutzungsdauer legen

Der aktuell zur Zuchttierbewertung (KB‐Bullen, weibliche Rinder) bei Deutschen Holsteins
genutzte Gesamtzuchtwert (RZG; relativer Gesamtzuchtwert, Stand: April 2015) räumt der
Milchleistung mit fast 50% gegenüber den übrigen Merkmalen (Nutzungsdauer, Exterieur,
Fruchtbarkeit etc.) nach wie vor den höchsten Anteil an der Gesamtbewertung aller
berücksichtigten Merkmale ein. Die aus Untersuchungen der Tierzucht bekannten ungünstigen genetischen Korrelationen zwischen Milchleistung und Erkrankungen wie Fettleber/Ketose, Mastitis, Klauenerkrankungen und Fruchtbarkeitstörungen sowie Belastung durch eine allgemeine Entzündungsreaktion lassen sich in zunehmendem Maße kausal durch die frühen, nicht der Entwicklung des Wiederkäuers angepassten Anforderungen an hohe Stoffwechselbelastungen der Kühe begründen.

Milchkuh: anfällig für Produktionskrankheiten durch chronische Entzündungssituation

Die Ursachen für die vorzeitigen Abgänge, die überwiegend zu Beginn der Laktation auftreten, sind nicht immer klar. Die entzündlichen Belastung der Milchkuh können schon in der prä‐ und postnatalen Entwicklung der jungen Milchkuh zu suchen sein. Intrauterine Fehlprägung und postnatale, durch die Fütterung forcierte Aufzucht, könnten zu gewebs‐ und organspezifischen Entwicklungsstörungen führen, die zellulär pro‐inflammatorische Prozesse stimulieren. Die daraus resultierende chronische Entzündungssituation macht die Milchkuh anfälliger für Produktionskrankheiten aller Art.

„Die Zeiten der überhasteten Jagd auf Milchleistung gehören der Vergangenheit an.  Tiergesundheit, Tierwohl, Tierschutzforderungen, Verbraucheransprüchen, aber auch die sich ändernde Kostenstruktur in der Milchproduktion bedingen dies. Eine Jungkuh, die möglichst schnell ihre ersten 10.000 kg Milch geben soll, dann aber nicht einmal das Ende der Laktation erlebt, wollen weder die Verbraucher noch die milchproduzierenden Landwirte. Kühe müssen insgesamt älter werden, um in der Kombination mit einer stabilen Milchleistung auf höchstem tiergesundheitlichen Niveau eine höhere Lebenseffektivität zu erhalten“, erklärt Ernst-Günther Hellwig, Fachtierarzt, Agrarwissenschaftler und Leiter der AVA.

Quellen:

Göttinger Erklärung 2016

Pressemeldung der AVA

Vet-consult Magazin

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