Wissenschaft

Positive Effekte sozialer Netzwerke bei Kälbern

Paarhaltung von Kälbern
Die frühe Haltung als Paare ermöglicht den Kälbern die stressmildernden Vorteile der sozialen Unterstützung ohne die Gesundheit zu beeinträchtigen. Foto: Zaspel

Milchviehhalter vermeiden die Gruppenhaltung junger Kälber aus Sorge um negative Folgen für Gesundheit und Produktivität. Jedoch reduzieren frühe soziale Bindungen unter gemeinsam gehaltenen Kälbern den Stress beim Absetzen der Milch.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die sozialen Haltungsbedingungen maßgeblich das weitere Leben von Tieren beeinflussen. Dazu gehören die Entwicklung von Persönlichkeit, abnormalen Verhaltens, Stressreaktionen, Anfälligkeit für Erkrankungen und Wundheilung. Die Effekte der Umgebung während der frühen Lebensphase kann sogar das Verhalten späterer Generationen beeinflussen. Daher ist das Verständnis für das frühe soziale Umfeld von landwirtschaftlichen Nutztieren in menschlicher Obhut entscheidend, um das Wohlbefinden und die Produktivität der Tiere zu maximieren.

Es wird geschätzt, dass 60% der Kälber auf Milchkuhbetrieben in Europa durch die Haltung in individuellen Gehegen eine Einschränkung der sozialen Bedürfnisse erfährt. Die entsprechende EU‑Richtlinie erkennt die Bedeutung der sozialen Kontakte für Kälber an und schreibt vor, dass Kälber ab einem Alter von acht Wochen in Gruppen gehalten werden müssen. Für jüngere Kälber wird lediglich vorgeschrieben, dass sie Gleichaltrige sehen und in körperlichen Kontakt miteinander treten können müssen. Bezüglich des höheren Risikos der Übertragung von Krankheiten gibt es sowohl Studien, die eine höhere  Krankheitswahrscheinlichkeit in Gruppen zeigten, als auch welche, die keine Unterschiede oder gegenteilige Ergebnisse hervorbrachten.

Ausbildung früher sozialer Kontakte mildert Stressempfindungen
Die Gruppenhaltung kann das Stressempfinden von Kälbern durch soziale Unterstützung abpuffern. Wenn Rinder Stress empfinden vokalisieren sie mehr, was in Studien als nicht-invasive Methode zur Stressmessung genutzt wird. Es wurde schon früher gezeigt, dass Kälber, die während der Entwöhnung von der Milch als Paare gehalten werden, weniger blöken und höhere Zunahmen haben als einzeln gehaltene Kälber. Häufig fällt die Zeit der Umstellung auf feste Nahrung zudem zusammen mit gravierenden Umgebungsveränderungen, denn zeitgleich mit dem Absetzen der Milch werden die zuvor einzeln gehaltenen Kälber in Gruppen zusammengesetzt. Kälber, die durch Haltung zu zweit schon soziales Verhalten erlernt haben, zeigen weniger Probleme bei der Einführung in die Gruppe. Diese Kälber sind selbstsicherer, weniger ängstlich, kooperativer mit Menschen, spielen mehr, sind seltener in Rivalitäten verwickelt und erreichen einen höheren sozialen Status in der Herde als einzeln gehaltene Kälber. Da diese Tiere auch als Färsen weniger Verhaltensauffälligkeiten zeigen, sind Haltungen von Rindern, die soziale Bindungen fördern, zu befürworten.

Gesundheit, Zunahmen, Entwöhnungsstress und soziale Netzwerke
Das Ziel der vorliegenden Studie war es, den Effekt des frühen sozialen Umfeldes auf die Leistung und das soziale Verhalten von Kälbern zu untersuchen. Auf einem Milchviehbetrieb in Großbritannien wurden die Zunahmen, die Aufnahme von Kälberfutter, Gesundheitsparameter und der Entwöhnungsstress durch die Anzahl der Vokalisierungen von 40 Holstein Kälbern in drei verschiedenen Aufzuchtsformen gemessen: individuelle Haltung bis zum Entwöhnen (Gruppe I, n=8), Paarhaltung ab dem 5. Lebenstag (Gruppe P5, 8 Paare) und Paarhaltung ab Tag 28 (Gruppe P28, 8 Paare). Im zweiten Teil wurde das soziale Netzwerk der Kälber über einen Zeitraum von einem Monat nach dem Entwöhnen der Milch gemessen, sobald alle zusammen als Gruppe gehalten wurden. Dafür wurden ab dem 55. Lebenstag ferngesteuerte Distanzmessgeräte an den Halsbändern der Kälber befestigt, die sowohl die Distanz zu anderen Kälbern als auch deren Identität aufzeichneten. So konnte untersucht werden, wie lange jedes Kalb mit welchem Kalb in Kontakt war und ob die sozialen Gruppenbeziehungen durch die vorher etablierte Vertrautheit mit dem Haltungspartner beeinflusst wurden.

Paarweise Haltung minimiert Entwöhnungsstress und stärkt soziale Kompetenzen
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie ergaben keinen Nachweis von Gesundheits- oder Leistungsunterschieden zwischen den Haltungsformen. Die Zunahmen in der P5-Gruppe waren höher als bei den anderen Gruppen, jedoch nicht signifikant. Ab dem 48. Lebenstag wurden die Kälber durch allmähliche Reduktion der Milchmenge über drei Tage entwöhnt und die Anzahl der Vokalisierungen an jeweils drei Tagen vor, während und nach dem Absetzen erfasst. Wie erwartet nahm bei allen Kälbern die Anzahl der Vokalisierungen als typische Reaktion auf den Entwöhnungsstress während der Milchreduktion im Vergleich zur Phase vor dem Entwöhnen signifikant zu. In der Phase nach dem Absetzen blökten einzeln gehaltene Kälber signifikant häufiger als die als Paare gehaltene Kälber. P5-Kälber vokalisierten signifikant weniger als P28- Kälber, was auf eine größere Verbundenheit dieser früh zusammengesetzten Paare schließen lässt. Das soziale Netzwerk der Kälber untereinander blieb in der Gruppenhaltung ab dem 55. Tag über den Beobachtungszeitraum von vier Wochen stabil. Die Kälber differenzierten bei der Wahl ihrer Kontakte signifikant, wobei sich die Individuen vorzugsweise mit ihren bekannten Partnern gruppierten. Die durchschnittliche Zeitdauer, die Kälber mit ihrem Partner verbrachten, nahm während der vier Wochen ab.

Fazit: Die Studienergebnisse lassen darauf schließen, dass die frühe Haltung als Paare den Kälbern die stressmildernden Vorteile der sozialen Unterstützung ermöglicht, ohne die Gesundheit oder Leistung der Tiere zu beeinträchtigen. Die stressmildernden Vorteile sind noch effektiver, wenn Kälber früher als Paare zusammengehalten werden. Sie bestätigen, dass Rinder während ihrer ersten Lebensmonate beginnen, soziale Präferenzen auszubilden und dass eine Gruppenstruktur von ausschlaggebender Bedeutung für die Stressminimierung und Verbesserung des Wohlbefindens in der Milchwirtschaft ist.

Originalveröffentlichung: Bolt SL, Boyland NK, Mlynski DT, James R, Croft DP (2017): Pair Housing of Dairy Calves and Age at Pairing: Effects on Weaning Stress, Health, Production and Social Networks. PLoS ONE 12(1): e0166926.

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