Tierwohllabel

Teurer Pfusch?

Tierwohllabel
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat die Kernelemente des staatlichen Tierwohllabels vorgestellt.

Mit der unangekündigten Präsentation eines Kriterienkatalogs für das staatliche Tierwohllabel hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt für viel Unmut gesorgt. Die Chance für einen baldigen Start ist nun wohl endgültig verspielt.

"Unseriös", "Pfusch unter Zeitdruck", "totale Konfusion auf allen Ebenen", "krachend gescheitert" – das sind Reaktionen auf das Vorgehen von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Zusammenhang mit dem geplanten staatlichen Tierwohllabel. Der Minister hatte vor einigen Tagen, völlig überraschend, einigen Pressevertretern Eckpunkte für das geplante zweistufige Label mit einer Eingangs- und einer Premiumstufe genannt und Einzelheiten zu den vorgesehenen Kriterien bekanntgegeben. Zur Umsetzung und Organisation des Labels, das zunächst im Bereich "Schwein" starten soll, nannte er aber noch keine Details.

Tierschützer machen nicht mehr mit

Dem Tierschutzbund gehen die Vorgaben nicht weit genug. Verbandspräsident Thomas Schröder kritisierte im Gespräch mit der neuen Osnabrücker Zeitung, die benannten Kriterien blieben zu nah am gesetzlichen Standard. „So schafft man keinen nachhaltigen Tierschutz im Stall“, beklagt Schröder. Das Hauptproblem der Tierschützer: Die Kriterien würden kaum über geltende Gesetze hinausgehen. Neben ein wenig mehr Platz pro Tier – der einzig wahren Verbesserung - präsentiert Schmidt tatsächlich die Einhaltung von EU-Richtlinien und Gesetzen als Fortschritt. Etwa das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration – die ohnehin ab 2019 nicht mehr zulässig sein wird.

Tierwohlkriterien im Überblick
Kriterium Gesetzlicher Standard  Tierwohllabel Eingangsstufe Tierwohllabel Prämienstufe
Platzangebot bis 1,0m2 pro Tier, je nach Gewicht 14 bis 33 % mehr Platz, je nach Gewicht 70 bis 100 % mehr Platz plus Auslauf
Raufutter nur Beschäftigungsmaterial vorgeschrieben ständiger Zugang zu Beschäftigungsmaterial und Raufutter
Buchtenstruktur Schlitzweite für Vollspalten vorgeschrieben geschlossene Liegefläche (0,1 m2 /Tier, 5 % Schlitzanteil) für Ferkel Buchten mit Auslauf, überwiegend geschlossener Boden, Liegebereich mit Einstreu
Deckzentrum Kastenstand bis 28 Tage nach Besamung erlaubt höchstens 4 Tage im Kastenstand
Abferkelbucht Ferkelschutzkorb erlaubt Ferkelschutzkorb erlaubt freie Abferkelung
Säugezeit mindestens 28 Tage, auch 21 Tage möglich mindestens 28 Tage mindestens 35 Tage
Schwanzkupieren nicht zulässig, aber im Einzelfall doch erlaubt dokumentierter Ausstieg, Start mit einzelnen Buchten Schwanzkupieren verboten
Transporte höchstens 8 Stunden, im Einzelfall bis 24 Stunden höchstens 8 Stunden höchstens 6 Stunden
Quelle: Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben 18/2017

Die Tierschützer haben inzwischen die Mitarbeit am staatlichen Label beendet. Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (Vzbv), Klaus Müller, fordert eine "Denkpause" und einen Neustart nach der Bundestagswahl. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion mahnt dringend die Klärung offener Fragen an. „Sollten Berechnungen zutreffen, wonach 20 Prozent Mehrkosten anfallen, werden für die Umsetzung des Labels mehr als 1,5 Mrd. € pro Jahr benötigt“, stellt Holzenkamp fest. „Diese Mehrkosten werden am Markt nicht zu erzielen sein“, befürchtet der Agrarpolitiker.

Der Deutsche Bauernverband, der fordert „kurzfristig Klarheit zur Organisationsform" herzustellen und auch der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) halten die von Schmidt veranschlagten Mehrkosten für die teilnehmenden Schweinehalter von rund 20 Prozent für deutlich zu niedrig. Der VDF veranschlagt den notwendigen Aufpreis für Label-Fleisch auf mindestens 50 Prozent.

Das Landwirtschaftsministerium teilte inzwischen mit, dass die Arbeit für ein Tierwohllabel wie geplant fortgesetzt werde. Zu den nächsten Schritten zählten der organisatorische Aufbau, Eckpunkte für notwendige Rechtssetzungsmaßnahmen und weitere Gespräche mit der Geflügelwirtschaft, erklärte ein Ministeriumssprecher. Der Ausstieg des Tierschutzbundes sei mit Bedauern zur Kenntnis genommen worden.

 

Quelle: agrarzeitung; Lebensmittelzeitung; Deutschlandfunk

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