Studie: Rettet den Ringelschwanz!

Ringelschwanz
Quelle: Müller / pixelio

Die Prävalenz von Schwanzbeißen variiert beträchtlich von Studie zu Studie. Eine finnische Analyse sucht nach den Gründen und zieht die Konsequenz daraus, dass die positiven Auswirken des Kupierens überschätzt werden.

Man könnte also schätzen, dass das Kupieren der Schwänze die Häufigkeit von durch nagende Buchtengenossen hervorgerufenen Läsionen um das zwei- bis vierfache senkt. Dass das Kupieren jedoch der wichtigste Einfluss nehmende Faktor bei dem Geschehen ist, bezweifeln die Autoren der Studie und stellen die Vorteile der Kupierpraxis den Vorteilen eines intakten Schwanzes gegenüber.

Die negativen Auswirkungen von Schwanzbeißen
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Entzündungsmarker, so genannte Akute-Phase-Proteine, sind bei Opfern schwänzeknabbernder Artgenossen stark erhöht. Hand in Hand damit einhergehend haben jene Tiere öfter Abszesse und Arthritiden, da die Schwanzläsionen eine gelungene Eintrittspforte für Keime darstellen, die darüberhinaus meist auf ein durch diesen Stress geschwächtes Immunsystem treffen. Die Schlachtkörper werden häufiger verworfen und haben generell ein stressbedingt reduziertes Gewicht. Um diese Kümmerer zu besseren Wachstumsleistungen und ihre Wunden zum schnelleren Abheilen zu bringen, sollten befallene Tiere mit Antibiotika behandelt werden. Dies erhöht die medizinischen Kosten und den Arbeitsaufwand.

Die negativen Auswirkungen des Schwänzekupierens:
In mehreren kleinen Studien wird deutlich, dass das Abknappen der Schwänze die Bildung von Neuromen, gutartigen Knoten aus Nervenzellen, begünstigt. Je größer der entfernte Teil des Schwanzes, umso wahrscheinlicher entsteht ein Neurom. Zwar sind diese Knoten gutartig in ihrem Wachstum, sie erhöhen aber stets das Risiko für spontane Schmerzempfindungen und Hypersensitivität an dieser Stelle – genau der Stelle, an der die Zähne der Artgenossen sich am liebsten zu schaffen machen. Dies passiert zwar seltener als bei einem unkupierten Schwanz, dafür jedoch scheinbar mit einem weitaus stärker empfundenen Schmerz. Laut den Autoren der finnischen Vergleichsstudie wurde bisher keine effiziente Methode zur Linderung des Schmerzes während dem Kupieren beschrieben.
Eine ältere Studie aus dem Jahr 2000, als das Schwänzekupieren in Finnland noch weit verbreitet war, fand unter mehr als 10 000 Schweinen aus rund 500 Betrieben bei jenen mit Schwanzläsionen ein deutlich erhöhtes Vorkommen von Arthritiden und Abszessen.

Risikofaktoren: magere Tiere, magere Beschäftigungsmöglichkeiten
Woran liegen die Unterschiede? Die meisten Landwirte schwören auf das Schwänzekupieren, ist es doch der am besten sichtbare Effekt. Aber warum nagen Schweine überhaupt?
Vor dem Ausbruch des Schwanzbeißens, das tatsächlich oft mit einem Tier beginnt und sich dann wie eine Epidemie in der Bucht ausbreitet, sind die zukünftigen Beißer vermehrt Opfer von Aggressivität, werden öfter gejagt und sind unruhiger, haben also vermutlich ein höheres Stresslevel. Dabei sind es am ehesten weibliche Tiere, die ihren Stress durch das Benagen ihrer Buchtengenossen abzubauen versuchen. Bereits geschwächte, kranke Tiere zählen zu den bevorzugten Leidtragenden.
Aktuellere Studien zeigen, dass neutrale Tiere, die also weder beißen noch selbst gebissen werden, eindeutige Unterschiede in ihren Genen zu im Vergleich zu anderen Altersgenossen zeigen. Eines davon ist interessanterweise zuständig für Magerkeit. Favorisiert also die moderne Selektion auf einen geringeren Körperfettanteil Schwanzbeißer? Erblich scheint diese Untugend auf jeden Fall zu sein.
Auch der Rohfasergehalt der Fütterung soll einen Einfluss darauf haben, ob das Kaubedürfnis der Tiere ausreichend befriedigt wird, ohne sich an ihren Artgenossen zu bedienen.

Save the pigtail
Das Schwänzekupieren verursacht Schmerzen bei 100% der Schweine und reduziert dafür das Risiko für zukünftige Schmerzen durch Beißen um ungefähr die Hälfte, laut der Schlachthofauswertungen der Autoren. Obwohl das Risiko für Schwanzbeißen bei unkupierten Schwänzen höher ist und der Schmerz durch Knabbern höher als der Schmerz durch Kupieren, kommen die ungebissenen Tiere bei der 0%-Kupier-Praxis gänzlich unversehrt und schmerzlos davon. Schweine, die sowohl kupiert als auch gebissen werden, erleiden den meisten Schmerz. Zusätzlich dazu sehen die Autoren bei unkupierten Tieren eine höhere Wahrscheinlichkeit, unter besserem Management gehalten zu werden. Quelle: s.u.
Was jedoch als sicher erwiesen gilt, ist der große Einfluss von anderem Beschäftigungsmaterial als die Schwänze der Artgenossen auf das Benagen. Verschiedene Studien sehen Stroh als das effizienteste Material an, verglichen mit beweglichen Spielmöglichkeiten. Außerdem scheint der Hang zum Schwanzbeißen bereits als Saugferkel beeinflusst zu werden: Der Nachwuchs mit Einstreu in den ersten vier Lebenswochen zeigte als spätere Masttiere seltener sozial gestörtes Verhalten wie Schwanzbeißen. Eine Studie an 60 Sauen schaffte es, deren Nachkommen durch frühzeitiges Anbieten von Zeitungen und Hanfseilen in der Säugeperiode später unempfänglich für die Reize des Kannibalismus zu machen.

Regelrechte Ausbrüche von Schwanzbeißen

Fast wie eine Epidemie geht das Schwanzbeißen vonstatten, ein einzelner Fall bringt andere Tiere auf die Idee und kann sich in ernsthafte Ausbrüche entwickeln. Das nächste Auftreten kommt typischerweise schon kurz nach dem ersten, was die Wichtigkeit eines frühen Eingreifens unterstreicht. Ein gutes Beobachten der Tiere ist hier von essentieller Bedeutung, um den ersten Schwanzbeißer sofort zu entfernen: vor dem Auftreten werden Tiere häufig mit tief hängendem Schwanz, wenn lang genug zwischen den Beinen vesteckt, gesichtet. Ihre Aktivität und Unruhe steigt, während sie seltener die automatischen Fütterungseinheiten besuchen.

Gutes Management für intakte Ringelschwänze
Stroheinstreu ließ in einer Studie an 28 000 britischen Masttieren nur noch die Hälfte der Tiere knabbern, unabhängig von der Länge des Schwanzes (1,2% statt 2,4% der kupierten Tiere, 4.3% statt 8,5% der unkupierten Tiere). Darüber hinaus konnte mit der richtigen Ventilation und ausreichend Platz am Futtertrog das Auftreten von Schwanzbeißen bei unkupierten Tieren unter 4% gesenkt werden.
So findet auch ein aktueller Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) aus dem Jahre 2014, der sich am europäischen “Welfare Quality”-Konzept orientiert, dass das Schwanzbeißen mit angemessener Buchtengestaltung und aufmerksamen Management in den Griff zu bekommen wäre. Für die Umrüstung nach diesem Konzept sind natürlich zweifelsfrei finanzielle Investitionen der Landwirte nötig, die sich auch im Endpreis des Produkts niederschlagen sollten.
In Finnland, neben Litauen und Schweden das einzige Land der EU, das das Schwänzekupieren flächendeckend verbietet, wurden 2013 an 1,6 Millionen Schweinen nur an 2,3% der Tiere Schwanzläsionen gefunden. Es scheint also möglich – die Amputation ist nicht die einzige Möglichkeit, das Auftreten von Schwanzbeißen zu vermeiden.

Quelle (inkl. Grafik): Valros, A and Heinonen, M, 2015: Save the pig tail. Porcine Health Management. 1:22

Bild: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

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