bpt-Kongress zur Eurotier

Schweinepraxis für Praktiker

Virtual Reality Pigs
In welcher Realität leben die Schweine in der Praxis? Foto: nedap-Stand Eurotier

Im Themenkreis "Fallbeispiele aus der Praxis für die Praxis" des bpt-Kongresses in Hannover berichteten Schweinepraktiker von den Folgen von Caudophagie, panH1N1, PRRS gekoppelt mit APPV und mangelnder Spritzenhygiene.

Verhaltensstörungen als Ausdruck von mangelndem Wohlbefinden
Der erste Vortrag aus der Praxis „Vivet- Ihre Tiermediziner“ (NRW) sorgte für viele Fragen und anschließende Diskussionen: Das Team um Dr. Franz Lappe hat mittels 17-stündiger Videoaufnahmen das Verhalten der Schweine intensiv beobachtet, dokumentiert und ausgewertet. Damit geht der Einsatz der Technik weit über die Verwendung der üblichen Checklisten hinaus, mit denen Tierärzte 2mal jährlich im Rahmen des Bestandsbesuches versuchen, dem Problem der Caudophagie auf den Grund zu gehen. In den Videos werden insbesondere jene Szenen herausgearbeitet, welche das Verhalten unmittelbar vor dem Schwanzbeißen darstellen. Sie sind der Schlüssel, um die für den Bestand wesentlichen Auslöser herauszufiltern. Denn damit kann die Form der Caudophagie erkannt werden: zweistufiges, plötzliches und gewaltsames oder obsessives Beißen. In der Folge kann die Ursache näher eingegrenzt werden: reizlose Umgebung, mangelnde Verfügbarkeit bestimmter Ressourcen wie Futter, Wasser, Liegeplatz oder ein gesundheitliches Problem. Auch die Ursachen von Ohrrandnekrosen konnten so eingehend beobachtet werden. Die notwendigen Maßnahmen zur Vermeidung der Caudophagie wurden dann schnell umgesetzt. Die Erfahrung aus zwei Jahren Kamera-Einsatz zeigte dem Vivet-Team, wie empfindlich die heutigen, auf Leistung getrimmten Zuchtlinien bereits auf „schwache“ Stressoren reagieren.

Können PRRSV und das Zitterferkel-Virus sich gegenseitig beeinflussen?
Dr. Stefan Wesselmann (Baden-Württemberg) berichtete von einem folgenreichen Krankheitseinbruch im Abferkelstall eines Babyferkelerzeugers mit 420 produktiven Sauen. Fieber, starke Inappetenz bei den Sauen führten zur Geburt vieler toter und lebensschwacher Ferkel, die Saugferkelverluste waren stark erhöht. Nach Seuchenausschluss und umfangreicher Diagnostik wurde bei den Sauen und Saugferkeln PRRS-Feldvirus und bei Zitterferkeln Atypisches Porzines Pestivirus (APPV) nachgewiesen. Diskutiert wurde, ob ein direkter Zusammenhang zwischen der PRRS-Infektion und der APPV-Infektion zu einem so schweren Verlauf führen konnte und wie das Feldvirus in den seit 15 Jahren PRRS-geimpften Bestand kam.

Kranke Ferkel durch fehlentwickeltes Mikrobiom
Dr. Wolfgang Schafzahl, Fachtierarzt für Ernährung und Diätetik und Fachtierarzt für Schweine in der Schweiz, erläuterte die aktuellen Erkenntnisse zu der Gesamtheit der Mikrobiota des Darmes. Da die Mikrobiota des Darmes vielfältige Auswirkungen auf die Körperfunktion haben (Immunsystem, Stammzelldifferenzierung, Körpergewicht, Medikamentenwirkungen, Gehirn- und Verhaltenssteuerung) und die metabolische Aktivität des sogenannten Darm-Mikrobioms der der Leber entspricht, wird sie in ihrer Gesamtheit auch als „externes Organ“ bezeichnet. (Beim Menschen ist bekannt, dass es eine Masse von ca. 2 kg hat.) So sieht Herr Schafzahl Absetzdurchfall, Ödemkrankheit, Streptokokken-Meningitis/-Arthritis und Spirochaetencolitis nicht als Krankheiten, sondern als Fehler des Managements und vor allem der Fütterung.

Ursachenforschung bei Impfversagen
Der Vortrag von Dr. Thorsten Pabst (NRW) beleuchtete die möglichen Ursachen für das Scheitern einer Impfung vom Impfstoff über den Impfzeitpunkt bis hin zum Impfvorgang und veranschaulichte die Thematik mit zwei Praxisfällen. In einem Mastbetrieb mit Hustenproblematik und gehäuften Atemwegsbehandlungen konnte durch weiterführende Diagnostik das pandemische Influenzavirus panH1N1 als Ursache identifiziert werden. Nach Influenza-Pandemie-Impfungen konnte die Klinik eingedämmt werden. In einem anderen Betrieb mit Verlusten im Flatdeck und „Circoverlusten“ in der Mast wurde durch Beprobung und mikrobielle Untersuchung der Dorne der selbstfüllenden Spritzen zur Impfstoffapplikation eine mittelgradige Verkeimung mit E.coli, Proteus und Streptokokken nachgewiesen. Nach Verbesserung der Spritzenhygiene und des Umgangs mit dem Impfstoff löste sich das Problem.

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