Schmerzforschung

Stress beim Ohrmarken einziehen

Ferkel
Das Einziehen von Ohrmarken verursacht einen dramatischen Anstieg des Kortisolspiegels im Vergleich zur Reaktion von Ferkeln, die nur hochgehoben und gehandelt wurden. Foto: Kunstzirkus, pixelio.de

Das Einsetzen von Ohrmarken führt bei Ferkeln ohne Analgesie zu einem stärkeren Kortisolanstieg als das Kupieren von Schwänzen.

Das Kupieren von Schwänzen sowie die Kastration von Ferkeln sind zwei gängige Eingriffe in der Schweinepraxis. Ersterer wird in 90 Prozent der schweinehaltenden Betriebe in der EU durchgeführt, um kannibalistischen Verhaltensweisen vorzubeugen – und darf nach derzeit geltendem Recht nur ohne Anästhesie durchgeführt werden, wenn die Tiere jünger als vier Tage sind.

Für die Kastration ist nach deutschem QS-System eine Analgesie nötig. Die betäubungslose Kastration wird nach deutschem Tierschutzgesetz ab dem Jahre 2019 verboten sein. Der durch die Kastration und das Kupieren von Schwänzen ausgelöste Stress und Schmerz sind Themen, die bereits häufig diskutiert wurden. Doch wie sieht es mit dem Einziehen von Ohrmarken aus? Daten gibt es dazu bisher kaum.

Eine aktuelle Studie der Universität München hat gezeigt, dass das Einsetzen von Ohrmarken bei Schweinen ohne Schmerztherapie einen gleich hohen, bzw. sogar höheren Anstieg der Cortisolwerte auslöst, als das als schmerzhaft anerkannte Schwanzkupieren.

Die Erstautorin, Jasmin Numberger, wurde auf www.i-tis.de zur Schmerzforschung bei Nutztieren befragt:

Welche Erkenntnisse über die analgetische Versorgung von Schweinen haben Sie aus Ihrer Studie gezogen?
Eine analgetische Versorgung hat in allen Gruppen, bei denen ein Eingriff vorgenommen wurde, einen signifikanten Effekt gehabt. Allerdings bedeutet die Applikation der systemischen Analgesie, dass die Ferkel ca. 20 Minuten vor dem geplanten Eingriff hochgenommen, gehandelt und gespritzt werden müssen. Dies bedeutet wiederum Stress und auch Schmerz für das Tier, daher muss man das in Relation zum jeweiligen Eingriff sehen.

Welche physiologischen- und Verhaltensparameter eignen sich noch für die Untersuchung von Schmerz und Stress beim Schwein?

Es gibt eine ganze Reihe an Parametern, die beim Schwein für die Bewertung von Stress und Schmerz in anderen Studien herangezogen werden und die sich dort mal mehr, mal weniger bewährt haben. Als physiologische Parameter scheinen sich Cortisol und Katecholamine gut zu eignen, andere Studien stützen sich auf die Konzentrationen von Glukose oder Laktat. In einigen aktuellen Studien wird auch das Chromogranin oder das c-Fos-Expressionsmuster der spinalen Neuronen gemessen, da gibt es bislang aber weniger Erfahrungswerte. Als Verhaltensparameter eignen sich je nach Eingriff z. B. die Messung der Vokalisation, Abwehrbewegungen, Herzfrequenz, Schmerzbewegungen (z. B. Schwanz wackeln, Positionswechsel, verschiedene Körperhaltungen), Isolationsverhalten bzw. soziales Desynchronisationsverhalten, Spielverhalten oder bei Saugferkeln die Zeit am Gesäuge. Interessant wäre auch eine Auswertung nach der QBA-Methode (qualitative assessment of animal behaviour), bei der das Tier eher im Gesamten beurteilt wird statt nach einzelnen Verhaltensweisen; in dem Bereich ist mir allerdings keine Studie bei Eingriffen bei Saugferkeln bekannt, die das schon mal angewendet hätte.

Welcher Aspekt scheint Ihnen für Folgestudien besonders interessant?

Es wäre gut zu wissen, wie die Stress- und Schmerzreaktion bei älteren Ferkeln verläuft. In unserer Studie waren die Saugferkel drei oder vier Tage alt. Auch wenn in einigen Betrieben in diesem Alter schon Ohrmarken eingezogen werden, wird dieser Eingriff in vielen anderen Betrieben auch erst beim Absetzen der Ferkel vorgenommen, also in einem Alter von drei bis vier Wochen. Zudem haben wir in unserer Studie eine Twintag-Ohrmarke eingezogen, die kleiner ist als die vorgeschriebene Bestandsohrmarke.
Daher wäre auch zu untersuchen, inwieweit die Stress- und Schmerzreaktion von der Größe der Ohrmarke abhängt. In jedem Fall sollten die Daten unserer Studie noch mit anderen Para­metern geprüft werden. Sowohl verschiedene Verhaltens- als auch physiologische Parameter wie z. B. Katecholamine oder Chromogranin wären interessant.

Quelle: Initiative Tiermedizinische Schmerztherapie, www.i-tis.de

Veröffentlichung: Numberger J, Ritzmann M, Übel N, Eddicks M, Reese S, Zöls S: Ear tagging in piglets: the cortisol response with and without analgesia in comparison with castration and tail docking. Animal. 2016 Nov;10(11):1864-1870

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