Stallgespräch 

Melken: Mehr Milch, weniger Mastitiden

Im  Stallgespräch erklärt Dr. Janna Mügge wie sie einen  „Melkroutine-Check“ während des Melkens durchführt und beantwortete Fragen zur praktischen Umsetzung. 

Janna Mügge

Redakteur

Woran erkenne ich, dass ich nicht zu lange melke?

Ein Durchgang pro Seite im Melkstand dauert 12 bis 15 Minuten, d. h. vier bis fünf Durchgänge pro Stunde. Im Karussell sollte man sechs Durchgänge/Stunde schaffen. Dauert das Melken länger, kann das an den Kühen (Langmelker) oder den vor- und nachbereitenden Arbeiten sowie dem Zutrieb liegen. Aufschluss bringen die Softwaredaten zur Melkdauer der Kühe und eine 24 Std.-Zeitrafferkamera, die Schwachstellen im Arbeitsablauf sichtbar macht.

Wie lange soll ich mit dem Ansetzen des Melkzeugs warten?

Von der ersten Berührung des Euters bis zum Ansetzen sollen mindestens 60 Sekunden (zweimal Melken/Tag) bzw. 90 Sekunden (dreimal Melken/Tag) liegen. Nach 120 Sekunden lässt der Oxytocinreiz nach und der Milcheinschuss versiegt. Eine zu kurze oder lange Anrüstzeit führt zum Blindmelken. Das belastet die Zitzen unnötig und führt zu einer längeren Melkdauer.

Sind Anrüstzeiten zu kurz/lang, kommt es zum Blindmelken.  Das belastet die Zitzenkondition.  (Bildquelle: Hilbk-Kortenbruck)

Erst vormelken oder erst das Euter reinigen?

Die Reihenfolge der Arbeitsschritte: In jedem Fall erst vormelken, dann die Zitzen trocknen/reinigen (nicht umgekehrt). Wenn vorgedippt wird, kann dieses entweder vor oder nach dem Vormelken durchgeführt werden.    

Ist der Einsatz automatischer Reinigungsbürsten sinnvoll?

Automatische Reinigungssysteme (z. B. Teat Scrubber) ersetzen das Reinigen, nicht aber die vorgeschriebene Beurteilung des Vorgemelks (Flocken?). Die Keimreduktion ist sehr gut und die Stimulationszeit im Gerät ist fest eingestellt, sodass hier im Verlauf einer langen Melkzeit immer die gleiche Routine gefahren wird, ohne das Melkerhände ermüden. Zu beachten ist, dass die Zitzen nach der Reinigung noch eine starke Restfeuchte aufweisen können und es so zum Klettern der Melkzeuge kommen kann.
Weitere Infos dazu finden Sie unter Teat-Scrubber können die Zitzenvorreinigung erleichtern – Zwei verschiedene Methoden zur Zitzenvorreinigung im Vergleich: Teat-Scrubber vs. Eutertücher.

Hat die automatische Vorstimulation Vorteile?

Die Nutzung der automatischen Vorstimulation durch das Melkzeug ist sinnvoll, wenn in der Melkroutine die Stimulation durch das Vormelken (mind. 15 Sekunden) und die Anrüstzeit (s. o.) nicht eingehalten werden können. Zudem kann es von arbeitswirtschaftlichem Interesse sein, um den Melkprozess zeitlich zu straffen (Vormelken, Reinigen und Ansetzen ohne Wartezeiten).

Warum sollte ich Melkhandschuhe tragen?

Beim Melken die Unterarme sauber halten und Einmalhandschuhe anziehen, die zwischendurch mit Wasser gereinigt und ggf. desinfiziert werden sollten. Die bloßen Hände enthalten Poren und Rillen, in denen sich Keime besser festsetzen können.

Euter mit Tüchern oder Papier reinigen?

Generell gilt immer mindestens ein Tuch/Lappen pro Kuh. Einmalpapier zur Vorreinigung ist hygienisch sehr gut, stößt aber an Grenzen bei sehr schmutzigen Eutern. In dem Fall sind schleuderfeuchte Euterlappen besser bzw. die Kombination mit dem Vordippen. Bei der Nutzung von wiederverwendbaren Euterlappen muss man auf die Hygiene achten: Immer bei 90 °C waschen, Nutzen von Hygienewaschmittel, einmal monatliches Reinigen der Maschine mit Waschmaschinenreiniger, regelmäßige bakteriologische Untersuchung gewaschener Euterlappen um Keimbelastung zu kontrollieren.

Wann macht Vordippen Sinn?

Die Beurteilung des Zitzenhygienescores hilft zu beurteilen, ob man zusätzlich Vordippen sollte. 80 % der Zitzenkuppen sollen sauber (Score 1) sein. Zum Vordippen sollte man einen zugelassenen Predip (Chlor- oder Jodbasis) mit Schaumwirkung nutzen. Damit die antibakterielle Wirkung funktioniert, muss der Predip mindestens 30 Sekunden einwirken.

Im Vidoestream des Elite- Stallgespräches  zeigen die Tierärzte, wie der Zitzenhygiene-Score  beurteilt wird.  (Bildquelle: Weerda )

Wann ist eine Zwischendesinfektion angebracht ?

Diese ist sinnvoll zur Bekämpfung von kuhassoziierten Erregern (S. aureus, Sc. agalactiae, Mykoplasmen), die beim Melken über das Melkzeug übertragen werden. Sinnvoll ist der Einsatz auch bei hohen Mastitisraten durch Umwelterreger, da diese sich auch während des Melkprozesses verbreiten können. Peressigsäure in einer Konzentration von 1.200 ppm (Einwirkzeit 60 Sekunden) wirkt sehr schnell und hat den Vorteil, dass die Lösung schnell in seine nicht toxischen Bestandteile zerfällt.
Bei der manuellen Zwischendesinfektion kann die Eimertauchmethode oder ein Sprühverfahren in den Melkbecher genutzt werden. Bei der Tauchmethode ist darauf zu achten, dass die Lösung regelmäßig gewechselt wird, da eine verschmutze Lösung zur Erregerverbreitung und nicht -eindämmung führt. Achtung, unverdünnte Peressigsäure kann zu Verätzungen führen!

Soll ich bei Schwermelkern Oxytocin einsetzen?

Kühe gewöhnen sich an das regelmäßige Spritzen von Oxytocin. Die Rezeptoren an den Muskelzellen der Milchdrüse gewöhnen sich daran und brauchen immer höhere Dosen, um den Milcheinschuss zu stimulieren. Das ist ein Teufelskreis. Wird viel Oxytocin beim Melken eingesetzt, muss intensiv nach den Ursachen geforscht werden.

Wie hoch soll ich die Abnahmeschwelle einstellen?

Die Abnahmeschwellen nicht zu niedrig einstellen, denn das zu starke Ausmelken belastet die Zitzen übermäßig und schadet der Zitzenkondition und Eutergesundheit. Höhere Abnahmeschwellen reduzieren die Melkdauer und wirken sich nicht nachteilig auf die Milchleistung aus. Empfehlungen liegen mittlerweile bei einer Abnahmeschwelle von 400 bis 800 g/Minute. Grundvoraussetzung für ein stufenweises Hochstellen der Abnahmeschwellen ist, dass eine perfekte Melkroutine mit stabiler Milchflusskurve etabliert ist, damit möglichst wenig Milch in der Abstiegsphase anfällt, denn diese wird nun verkürzt.

Ist es angeraten, die Melktechnik unter dem Melken zu checken?

Bei Problemen mit der Zitzenkondition und dem Verdacht der Erregerverbreitung über die Melkanlage hilft eine Kontrolle der Melktechnik. Hier ist immer eine Nassmessung (= während des Melkprozesses) sinnvoll, um die Ursachen zu finden. Zusätzlich ist eine Laktocorder-Messung zur Erfassung von Milchflusskurven und eine Überprüfung der Reinigung möglich.

Wie häufig sollten meine Melker geschult werden?

Melkerschulungen und das regelmäßige Monitoring des Melkprozesses durch den Betriebsleiter oder Herdenmanager tragen dazu bei, dass sich Routinen beim Melken langfristig auf einem guten Niveau einpendeln. Idealerweise verkürzt das die täglichen Melkzeiten, steigert die Milchleistung und verbessert die Eutergesundheit.

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