Arzneimitteleinsatz

Antibiotika: Reduktion um jeden Preis?

Den Antibiotika-Verbrauch im Stall zu senken, ist bisher recht gut gelungen. Doch die Zeit ist reif für neue Strategien. Bericht vom „One Health-Symposium“ zum Thema Antibiotikaresistenzen in Vechta.

Jeder Einsatz von Antibiotika führt zur Bildung von bakteriellen Resistenzen“, betonte der Epidemiologe Prof. Dr. Lothar Kreienbrock von der Tierärztlichen Hochschule Hannover , zu dem der Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen und die Uni Vechta eingeladen haben. Man dürfe daher nicht müde werden in dem Bemühen, den Antibiotika-Einsatz in der Nutztierhaltung weiter zu reduzieren. 

Weitere Reglementierungen ab 2022

Dass in der Vergangenheit bereits gute Erfolge erzielt worden sind, machte Prof. Dr. Eberhard Haunhorst vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) deutlich. So habe die Einführung des staatlichen Antibiotika-Monitorings im Jahr 2014 direkte Auswirkungen auf die Verschreibungspraxis der Tierärzte gehabt. Von 2014 bis 2017 konnte beispielsweise der Antibiotika Einsatz bei Aufzuchtferkeln und Mastschweinen mengenmäßig etwa halbiert werden. Auch die Änderung der Tierärztlichen Hausapotheken Verordnung (TÄHAV) von 2018 habe sich positiv auf das Problem der Resistenzentwicklung ausgewirkt. Denn seitdem ist der Einsatz von Cephalosporinen der 3. und 4. Generation merklich zurückgegangen. So langsam scheint jedoch zumindest im Bereich Schwein ein Plateau erreicht zu sein. Haunhorst machte das an einer sich kaum noch verbessernden Therapiehäufigkeit der Betriebe fest. Nichtsdestotrotz hält der LAVES- Präsident es auch künftig weiterhin für erforderlich, den Arzneimitteleinsatz gezielt behördlich zu überwachen. Andernfalls befürchtet er, dass in der Praxis ein gewisser „Ermüdungseffekt“ eintreten könnte. Zudem bestehe in vielen Betrieben immer noch Einsparpotenzial. Im nächsten Schritt, nämlich mit der neuen EU-Tierarzneimittel Verordnung ab 2022, soll die Verwendung „kritischer Wirkstoffe“ weiter reglementiert werden, berichtete Haunhorst. Weitere Antibiotika sollen für den Einsatz beim Menschen reserviert bleiben und es soll Umwidmungsverbote geben. Diskutiert wird laut Haunhorst ebenfalls, künftig auch Sauen und Milchkühe in das System des staatlichen Antibiotika-Monitorings zu integrieren.

Neue Strategie sind gefragt

„In der Vergangenheit war das System gut wirksam und hat deutliche Erfolge gebracht. Aber für die Zukunft müssen wir die Strategie ändern“, fasste Moderator Prof. Dr. Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover die Erkenntnisse zusammen. „Jedes Tier darf erkranken!“ Auch der Veterinär Dr. Thorsten Arnold lobte die Erfolge der Vergangenheit. „Einzelbetriebliche Auswüchse beim Antibiotika-Einsatz haben wir heute gar nicht mehr“, unterstrich der Geflügelfachtierarzt aus Ankum. Das liege einerseits an der Überwachung durch das LAVES, andererseits aber auch an der guten Arbeit der Tierärzte und Landwirte. Ohne Investitionen in moderne Haltungssysteme und -techniken werde es seiner Meinung nach jedoch kaum gelingen, den Antibiotika-Einsatz noch viel weiter herunterzuschrauben.

Antibiotikareduzierung hat Grenzen

Dass die Antibiotikareduzierung Grenzen hat, diese Meinung vertrat Dr. Stefan Wesselmann. Der Fachtierarzt für Schweine aus Hohenlohe betonte: „Jedes Tier hat ein Anrecht darauf, krank zu werden! Ob es mit Antibiotika behandelt werden muss, entscheidet allein sein Zustand – und nicht eine Bioland-Richtlinie, die das nur einmal erlaubt, oder ein Programm zur Antibiotika-freien Mast, dass das überhaupt nicht erlaubt.“ Auf keinen Fall dürften behandelte Tiere weniger wert sein als unbehandelte. Wesselmann wies zudem darauf hin, dass der Einsparerfolg oftmals davon abhängt, ob der Landwirt es schafft, eingefahrene Verhaltensweisen und Routinen über Bord zu werfen.
Der Artikel wurde ursprünglich im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben (Ausgabe 12/20) veröffentlicht.

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