Praxismanagement

Besser zuhören, weniger anleiten

In der Mastitisforschung beschäftigen sich Wissenschaftler jetzt auch mit effizienter Kommunikation, damit Mastitis-Know-how den Weg in die Praxis findet. So geht’s in der Praxis.

Hohe Zellzahlen sind kostspielig. Wenn zu viele klinische Mastitiden den Arbeitsalltag durcheinanderbringen, bedeutet das mehr Arbeit und eine zusätzliche emotionale Belastung für den Tierhalter. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren zwar bei der Diagnostik, Erkennung von Mastitisrisiken und Verbesserung der Eutergesundheit große Fortschritte gemacht. Wir wissen also mehr als genug über die Infektion und haben viele Ideen zur Verbesserung der Gesundheitssituation. Doch der Wissenstransfer in die Praxis bleibt oft erfolglos. Eine zentrale Stelle in der Weitergabe der Eutergesundheitsstrategien besetzt der Hoftierarzt. Tierärzte erscheinen regelmäßig in den Betrieben und haben das nötige fachliche Know-how, um Mastitis effektiv zu bekämpfen. Doch oft klappt die praktische Umsetzung neuer Maßnahmen nicht oder nur kurzfristig. Das frustriert sowohl den Tierarzt als auch den Landwirt. Wie können Tierärzte Tierhalter motivieren, Änderungen in ihren Arbeitsroutinen langfristig und nachhaltig umzusetzen? Um die Eutergesundheit im Betrieb auf Dauer zu verbessern, ist oft die Änderung von Arbeitsroutinen nötig. Wenn bisher z. B. ohne Handschuhe gemolken wurde, dann wäre die konsequente Nutzung von Einmalhandschuhen ein erster Schritt, um die Neuinfektionsrate zu senken.
  • Aber wie schafft man es, dass die Melker so arbeiten, wie der Herdenmanager es erklärt hat und z. B. das Predipping vor dem Melken einzuführen?
  • Wie bringt man einen Betriebsleiter dazu, regelmäßig und dauerhaft Euterkennzahlen im Eutergesundheitsbericht abzulesen, zu bewerten und entsprechende Schlüsse daraus zu ziehen?
  • Wie führt man einen neuen Schnelltest zur Mastitis- Diagnostik ein, der dann korrekt durchgeführt wird, auch wenn die Anfangseuphorie verflogen ist?

Tierärzte in zentraler Funktion

Mit diesen Fragen beschäftigen sich Tierärzte jeden Tag auf den Betrieben. Mit viel Engagement erklären sie Zusammenhänge und schlagen Maßnahmen vor. Vielleicht fühlt sich der eine oder andere manchmal so wie ein Lehrer in der Schule, der seinen Schüler ein wenig attraktives Thema nahe bringen möchte. Egal wie man es macht, die Vorschläge werden nicht oder nur unzureichend in die Praxis umgesetzt. Neuerungen sind immer nur kurzfristiger Natur und nicht nachhaltig. Warum ist das so? Wir kennen das auch aus unserem eigenen Leben. Immer, wenn wir uns Silvester vornehmen, mehr Sport zu treiben oder weniger zu essen, halten die guten Vorsätze maximal ein paar Wochen und nie ein ganzes Jahr.
Genau so geht es den Landwirten auf den Betrieben, die tagtäglich unter einem erheblichen Arbeitsdruck stehen. Ihnen fehlt Motivation und Zeit, die Neuerungen umzusetzen und sich anders zu verhalten. Vermeintlich einfacher scheint es, bei den alten Gewohnheiten zu bleiben. Dabei würden neue Arbeitsabläufe – einmal etabliert – die Eutergesundheit so sehr verbessern, dass an dieser Stelle Arbeitszeit eingespart werden kann. Doch selbst, wenn der Betriebsleiter das so sieht, hat er noch lange nicht das Verhalten des Melkers geändert, der froh ist, wenn er die Herde in der vorgegebenen Zeit gemolken hat.

Motivierende Gesprächsführung

Eine Modell-Strategie haben zwei amerikanische Psychologen und Wissenschaftler in Form eines Kommunikations-Werkzeugs (ursprünglich für die medizinische Suchtberatung) entwickelt: Die motivierende Gesprächsführung. Mit diesem Werkzeug ist es möglich, einen Tierhalter darin zu unterstützen, sein Verhalten zu ändern. Die Methode ist wissenschaftlich geprüft und bewirkt – richtig angewendet – nachweislich verändertes Verhalten. Eine Verhaltensänderung verspricht die motivierende Gesprächsführung: Anstatt Anweisungen zu geben und zu erklären, was genau gemacht werden muss, steht die Meinung des Tierhalters im Mittelpunkt des Gespräches. Der Tierarzt fragt nach, ob er genug Informationen über das Thema hat und sich verändern will und welche Gründe es dafür geben könnte. Der Hauptredeanteil liegt beim Tierhalter, der in einer wertschätzenden Atmosphäre frei entscheiden kann, ob er etwas ändern möchte oder nicht. Denn nur wenn der Tierhalter selbst von der Neuerung überzeugt ist, wird er auch langfristig etwas ändern.
Der Tierarzt hilft dem Tierhalter, sein Verhalten zu reflektieren. Dazu eignen sich offene Fragen, die beginnen mit „Wie”, „Warum” oder „Was denken Sie?“. Wenn es dann z. B. um das Tragen von Handschuhen beim Melken geht, könnte der Tierarzt so beginnen: „Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Melkarbeit? Wissen Sie, welchen Einfluss das Tragen von Handschuhen auf die Neuinfektionsrate hat?“. Wenn es um die Auswertung von Kennzahlen geht: „Kennen Sie die Eutergesundheits-Kennzahlen? Welche ist für Sie die wichtigste? Soll ich Ihnen im Eutergesundheitsbericht zeigen, wo Sie die Kennzahlen finden?“ Beim Thema Predipping ist die Frage „Welche Rolle spielt das Predipping für die Eutergesundheit in Ihrem Betrieb?“ besser geeignet, eine Verhaltensänderung anzustoßen als die Frage „Was hält Sie vom Predipping ab?“. Diese Frage führt nur dazu, dass das Thema negativ (zu teuer, zu viel Arbeit) besetzt wird.

Verantwortung bleibt beim Tierhalter

Die Aufgabe des Tierarztes ist vor allem, zuzuhören und zusammenzufassen („aktives Zuhören“): „Ach ja, ich  verstehe, dass Sie sich auch über die vielen Mastitiskühe ärgern und gern weniger Kannenkühe hätten.“ Damit kann man bestimmte Aussagen besonders hervorheben. So spiegelt er das Verhalten des Tierhalters. Wichtig ist im gesamten Gespräch, dass die Autonomie des Tierhalters gewahrt bleibt. Er entscheidet, wie gemolken wird, ob er Kennzahlen auswertet oder nicht, oder, ob ein neuer Diagnostik-Test eingeführt wird. Das setzt voraus, dass sich der Tierarzt mit der eigenen Person und seiner Überzeugung zurücknehmen und auf das Gegenüber eingehen muss. Am Ende eines solchen Gespräches sollten idealerweise Zielvereinbarungen stehen, die der Tierhalter selbst formuliert hat. Der Tierarzt hat also eher die Funktion des Assistenten, der die Ziele aufschreibt.
Später kann man an dieser Stelle aber nochmal nachhaken und den Tierhalter an seine selbstformulierten Ziele erinnern. Diese Verhaltensänderung im Gespräch ist nicht einfach umzusetzen, v. a., wenn man das viele Jahre lang anders angegangen ist. Doch die motivierende Gesprächsführung ist eine Methode, die man in Workshops und Kursen lernen kann. Hat man die ersten Gespräche nach der neuen Methode durchgeführt, wird man merken, dass sich Erfolge einstellen und sich die Eutergesundheit verbessert. Zudem macht die neue Form der motivierenden Gesprächsführung Spaß

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