Mitarbeiter gewinnen

Der Nachwuchs tickt heute anders

Tiermedizinischer Nachwuchs ist rar. Wir fragen den Praxisteilhaber André Hüting, wie es ihm gelingt, gute Mitarbeiter für die Nutztierpraxis zu gewinnen.

Andre Hüting

Redakteur

vet-consult:

In ihrer Praxis arbeiten elf Tierärzte im Rinderbereich. Haben Sie Nachwuchssorgen?

Hüting:

Eigentlich nicht. Wir haben gerade zwei neue Stellen zur Bestandsbetreuung ausgeschrieben und vier ernstzunehmende Bewerbungen erhalten. Drei Kandidaten kannten wir bereits, weil sie bei uns in der Vergangenheit ein Praktikum absolviert haben. Ich weiß oft schon, wer im Vorstellungsgespräch vor mir sitzt. Wir bemühen uns sehr um Praktikanten, nehmen sie überall hin mit und zeigen viel. Unser Team freut sich über Studierende. Ihre Fragen regen zum Nachdenken an und Hilfe kann man draußen immer gebrauchen. In unserer Praxis gibt es eine kleine Wohnung, die wir den Praktikanten für die Zeit Ihres Aufenthaltes kostenfrei zur Verfügung stellen.

vet-consult:

Was ist Ihnen bei der Auswahl der Bewerber wichtig?

Hüting:

Ich wünsche mir bei Anfangsassistenten ein Grundverständnis der tierärztlichen Zusammenhänge im Nutztiersektor. Fast noch wichtiger ist mir, ob die/ der Neue mit den Landwirten zurechtkommt, offen im Umgang und der Kommunikation ist und ob sie/ er in unser Team passen. Denn was hilft mir ein Überflieger mit beeindruckender Vita und Sprachkenntnissen, wenn er nicht den richtigen Ton im landwirtschaftlichen Betrieb trifft.

vet-consult:

Stellen Sie lieber einen weiblichen oder männlichen Kandidaten ein?

Hüting:

Das ist mir egal. Bei diesem Bewerbungsdurchlauf haben sich zwei Frauen und zwei Männer beworben. In unserem gesamten Praxisteam arbeiten acht Frauen und zwölf Männer. Unsere Kolleginnen machen in der Nutztierpraxis die gleichen Arbeiten wie die Kollegen. In einem gut funktionierenden Team unterstützt jeder jeden. Diejenigen Frauen, welche nach der Schwangerschaft wieder in das Team zurückkommen, können dann oft vormittags die Arbeitsspitzen mit abarbeiten. Grundsätzlich haben wir gute Erfahrungen gemacht mit Kolleginnen, die nach der Geburt in Teilzeit zurückgekommen sind.

vet-consult:

Mit welchen Ansprüchen konfrontieren Sie die Bewerber ?

Hüting:

Da hat sich zu meinem Vorstellungsgespräch vor über 15 Jahren vieles geändert. Damals hätte ich zu jedem Nacht- und Wochenenddienst „Ja“ gesagt. Das Gehalt wurde nur grob besprochen, einen Vertrag gab es gar nicht und es galt als selbstverständlich, dass der Tag erst dann vorbei war, wenn das letzte Kalb behandelt war. Heute kommen die Bewerber teilweise mit Listen zum Gespräch: Sie wünschen sich eine gute Einarbeitung, eine technisch hochwertige Ausrüstung und einen vorzeigbaren Praxiswagen. Das Gehalt sollte über der BPT-Empfehlung (2.800 Euro ab 6. Monat) liegen und nach Einarbeitung gestaffelt steigen. Der wichtigste Punkt in den Gesprächen ist aus meiner Sicht die Arbeitszeit und der Ausgleich für Mehrarbeit. Bewerber sprechen im Gespräch ganz offen darüber, wie wichtig Ihnen eine ausgeglichene Work-Life-Balance ist. Das hätte sich früher kein junger Tierarzt/-ärztin getraut, solche Forderungen zu stellen.

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