Antibiotika

Sind Resistenzen gefährlicher als Coronavirus?

Experten schätzen Antibiotika-Resistenzen von Mikroorganismen gefährlicher ein als das Coronavirus. Die Resistenzlage in Lebensmittelketten bleibt nahezu unverändert.

Nach Einschätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die Antibiotikaresistenz von Mikroorganismen potentiell noch gefährlicher als Covid-19. Wie die Organisation erklärte, spielt der Nahrungsmittel- und Landwirtschaftssektor bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen eine zentrale Rolle. In vielen Teilen der Welt würden Antibiotika in weit größerem Umfang bei Tieren als beim Menschen eingesetzt. Außerdem nehme der Einsatz solcher Medikamente rasch zu, weil die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln im Zuge des Bevölkerungswachstums steige.
Die Experten forderten Landwirte, Lebensmittelhersteller und Verbraucher auf, such noch mehr um eine Verhinderung der Ausbreitung antibiotikaresistenter Mikroorganismen zu bemühen. Eine weitere Pandemie mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die globale Gesundheit, die Agrar- und Lebensmittelsysteme und die Wirtschaft müsse verhindert werden. Die globale Lebensmittelsicherheit sei gefährdet.
Sollte die Antibiotikaresistenz nicht eingedämmt werden, könnte nach Einschätzung der stellvertretenden FAO-Generaldirektorin Maria Helena Semedo die nächste Pandemie bakteriell sein und viel mehr Tote fordern als Corona. Der FAO zufolge sterben jährlich mindestens 700.000 Menschen an den Folgen von antibiotikaresistenten Infektionen.

BfT: Antibiotikaeinsatz nur wenn notwendig!

Um die Entwicklung antimikrobieller Resistenzen weiterhin zu bekämpfen, empfiehlt der Bundesverband für Tiergesundheit (BfT), Krankheiten mit einem umfassenden Tiergesundheitsmanagement vorzubeugen und die Behandlung mit Antibiotika auf das notwendige Maß zu beschränken.
Bei den Konzepten zur Prävention von Krankheiten spielen Impfstoffe und auch immunmodulierende Tierarzneimittel eine bedeutende Rolle. Wichtig für die Erhaltung der Tiergesundheit seien auch eine geeignete Fütterung und Haltung sowie Diagnostika, die eine frühzeitige Erkennung von Erkrankungen ermöglichten. Hinzu kämen Maßnahmen zur Infektionskontrolle und zur Vermeidung eines Resistenztransfers auf dem landwirtschaftlichen Betrieb sowie in vor- und nachgelagerten Stufen der Lebensmittelkette. Allerdings könnten Tiere trotz bester Hygiene und Prävention krank werden und müssten behandelt werden - wenn erforderlich, auch mit Antibiotika, gab der BfT zu bedenken.
Laut der neuen EU-Tierarzneimittel-Verordnung, die am 28. Januar 2022 in Kraft trete, seien besonders kritische Antibiotika der Humanmedizin vorzubehalten. Ein europäisches Expertengremium habe bereits Empfehlungen zur Kategorisierung der Antibiotika in vier Gruppen formuliert, nämlich „A: Vermeiden“, „B: Einschränken“, „C: Vorsicht“ und „D: Umsichtig“. Wichtiges Ziel sei es dabei, künftige Therapieoptionen für die Tiermedizin zu erhalten.
Darüber hinaus betonten Experten, dass neue Antibiotika entwickelt werden müssten. Die prophylaktische Anwendung von Antibiotika sei indes verboten. Auch als „Leistungsförderer“ dürften sie in der Europäischen Union bereits seit 2006 nicht mehr eingesetzt werden, stellte der BfT klar.

Keine Fortschritte bei der Antibiotika-Resistenzlage bei Nutztieren

Derweil hat sich die Antibiotikaresistenzlage in der Tierproduktion nicht verbessert. Dieses Fazit hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) aus dem Zoonosen-Monitoring 2019 gezogen.
Die Behörde berichtete, dass sich bei den Resistenzuntersuchungen auf eine Verringerung des Vorkommens bei Bakterien aus den Lebensmittelketten Mastschweine, Mastkälber und Jungrinder sowie bei Tankmilch keine Fortschritte gezeigt haben.
Der Anteil von resistenten Isolaten von Escherichia coli habe bei Proben aus dem Blinddarminhalt von Mastkälbern und Jungrindern bei 47 % gelegen, in Tankmilch bei 18,4 % und in frischem Rindfleisch bei 20,3 %. In Bezug auf Cephalosporine der dritten Generation seien Isolate aus Tankmilch häufiger resistent als solche von Mastkälbern, Jungrindern und Rindfleisch, was mit dem Einsatz von Cephalosporinen bei Milchrindern mit Euterentzündungen in Zusammenhang stehen könnte.

Resistenzen bei importiertem Fisch und Schlachthähnchen

Problematisch sind laut BVL auch die Escherichia-Isolate aus importiertem Fisch aus Aquakultur, die nahezu ausschließlich gegen Fluorchinolone resistent gewesen seien. Diese Wirkstoffe seien für die Behandlung von Menschen besonders wichtig.
Keine Fortschritte wurden gemäß dem Monitoring auch bei der Verringerung der hohen Belastung mit Campylobacter auf Schlachtkörpern von Hähnchen erzielt. Die Nachweisrate in frischem Hähnchenfleisch habe bei 46,4 % gelegen und damit in derselben Größenordnung wie in den vorherigen Jahren. Der Anteil von Hauthalsproben mit Keimzahlen von mehr als 1 000 koloniebildenden Einheiten pro Gramm (KbE/g) habe mit 23,4 % ebenfalls stagniert.
Die Ergebnisse des Zoonosen-Monitorings verdeutlichen laut BVL, dass die Anstrengungen, den Antibiotikaeinsatz durch Verbesserungen der Tiergesundheit zu senken, weiter verstärkt werden müssen. Ein Schwerpunkt dabei sollte der Behörde zufolge die Verringerung des Einsatzes kritischer Antibiotika sein, insbesondere der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „Highest Priority Critically Important Antimicrobials“ (HPCIA) eingestuften Substanzen.
Quelle: AgE

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