Leaky gut Syndrom

Alarm im Darm!

Ein Schlüsselfaktor für die Leistung ist die Gesundheit des Verdauungstraktes. Ist dessen Darmwand durch Stress stark angegriffen, können Bakterien und Toxine in die Blutbahn eindringen.

Kurz gelesen

Eine Dickdarmazidose ist meist eine Folgeerkrankung einer Verdauungsstörung, z.B. Pansenazidose.
Körnermais gegen Getreide auszutauschen, senkt das Risiko einer Dickdarmazidose nicht.
leaky gut ist eine krankhafte Durchlässigkeit des Verdauungstraktes, die zu einer Entzündungsreaktion führt.
Verdauungsstörungen und weitere Stressfaktoren können Gründe für leaky gut sein.

Matthias Gösling

RedakteurTierarzt agro prax

Neben dem Bereitstellen von Nährstoffen ist der Verdauungstrakt ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems. Dadurch spielt er eine bedeutsame Rolle für die Gesundheit und das Leistungsvermögen von Kühen. Die Darmflora (Mikroorganismen) schützt den Organismus vor dem Eindringen unerwünschter Krankheitskeime. Ist die Schleimhaut des Verdauungstraktes „beschädigt“, wird sich nicht nur die Nährstoffaufnahme verschlechtern, im schlimmsten Fall können Toxine diese natürliche Barriere passieren und ins Blut gelangen. In diesem Fall spricht man von „leaky gut“ (durchlässiger Darm). Wir stellen Ihnen hier eine mögliche Ursache und Prophylaxemöglichkeiten vor.

Bedeutung der Dickdarmazidose

Ein Teil der Stärke, die nicht in Pansen oder Dünndarm abgebaut wurde, wird im Dickdarm durch Mikroorganismen verdaut. Eine starke Stärkeanflutung im Dickdarm kann eine Dickdarm-Azidose auslösen. Anzeichen für diese Erkrankung sollen Schleim, Schaum, Gewebe oder Blut im Kot, Durchfall oder pH-Werte unter fünf im Kot sein. Die Diagnose ist jedoch sehr ungenau, weil diese Symptome auch beianderen Erkrankungen wie Darmentzündungen, Pansenfermentationsstörungen bzw. -azidosen und sogar teilweise bei gesunden Tieren auftreten können. Es ist also keinesfalls seriös, mit einem Blick auf den Kuhfladen eine Dickdarmazidose zu diagnostizieren.
Obwohl eine Dickdarmazidose durch eine exzessive Fermentation von Kohlenhydraten im Dickdarm entsteht, wäre es falsch schlusszufolgern, dass langsam verdauliche Stärke (z.B. aus Körnermais), die im größeren Umfang den Pansen unverdaut passiert, ein Risiko darstellt.

Im Zuge einer Pansen- oder Dickdarmazidose kann die Magen-Darm-Wand durchlässig werden, sodass bakterielle Toxine (Endotoxine oder Lipopolysaccharide) in den Kreislauf eintreten und Folgeerkrankungen wie Entzündungen hervorrufen können. (Bildquelle: Orb)

Stärke im Darm

Studien zeigten, dass Kühe relativ problemlos große Mengen Stärke über Dünn- und Dickdarm verdauen können. In einigen Fütterungsversuchen wurden Kühen 0,5 bis sogar 4kg Stärke pro Tag in den Darm eingegeben (Piantoni et al., 2018; Abeyta et al., 2019), ohne Entzündungsanzeichen oder Produktionsverluste zu provozieren. Erfahrungen in der Praxis bestätigen das.
Wenn im Herbst und Winter neuer Mais gefüttert wird, der durch die noch kurze Dauer der Silierung eine hohe Stärkebeständigkeit aufweist, passiert mehr Stärke den Pansen und gelangt in den Darm. Dennoch erscheinen in dieser Phase weitaus weniger Verdauungsstörungen in den Milchviehherden als in den Phasen im Sommer und Winter mit „alter“ Maissilage.
Die Wissenschaft geht eher davon aus, dass Stärke im Darm nur dann zu Problemen führt, wenn weitere Verdauungsprobleme, insbesondere des Pansens, bestehen (Gressley et al., 2011). Bei einer Pansenazidose wird mehr unverdautes Futter in den Darm transportiert und die Nährstoffe insgesamt schlechter resorbiert. Gelangen dann mehr Kohlenhydrate in den Dickdarm, kann sich eine Azidose entwickeln.
Im Zuge dieser Störungen kann die Magen-Darm-Wand durchlässig werden (= leaky gut), sodass bakterielle Toxine (sogenannte Endotoxine oder Lipopolysaccharide) in den Kreislauf eintreten und Folgeerkrankungen hervorrufen können (siehe Schaubild). Neben der Dickdarmazidose können auch andere Faktoren wie Hitzestress und Pansenazidosen zu einer durchlässigen Darmwand führen.

Körnermais oder Getreide?

In einem Fütterungsversuch zum Thema Dickdarmazidosen (Li et al., 2012) wurde das Grundfutter (in einer Gruppe) durch Luzerne-Pellets bzw. (in einer anderen Gruppe) durch Weizen-Gerste-Pellets ersetzt. In beiden Gruppen konnte bei den Tieren eine Pansenazidose als Folge eines geringeren Grundfutteranteils nachgewiesen werden. Aber nur bei der zweiten Gruppe kam es zu einem Anstieg von Entzündungsanzeichen. Keine der Rationen enthielt Maisstärke, sondern ausschließlich Getreidestärke.
Der Stärkegehalt in der Ration wurde durch die Pellets in der zweiten Gruppe von 14% auf fast 38% angehoben und der Gehalt an NDF von 35,6% auf 22,9% herabgesetzt. Das entspricht nicht den gängigen Rationsanpassungen! Diese Ergebnisse zeigen also, dass mit dem Einsatz von hoch verdaulicher Stärke im Pansen das Auftreten von Dickdarmazidosen nicht verhindert werden kann. Langsam verdauliche Stärke (Körnermais) oder verdauliche Faser als Energieträger sind risikoärmer, wenn sie eine stabile Pansenfermentation sichern. Es wird deutlich, dass bei der Entstehung viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen können.

Die Verdaulichkeiten kennen

Bleibt festzuhalten: Der Anteil an Stärke und die Verdaulichkeit sind maßgeblich beteiligt an der Entstehung von Verdauungsproblemen. Häufig wird der Stärkegehalt in Futtermitteln und Rationen jedoch nicht ausgewiesen. Die moderne Futtermittelanalytik bestimmt nicht nur den Anteil, sondern auch die Stärkeverdaulichkeit (z.B. IVSD7 = in-vitro-Verdaulichkeit der Stärke nach 7Stunden).
In den letzten beiden Jahren konnte man beispielsweise sehen, wie wichtig das Wissen über die tatsächlichen Verdaulichkeiten ist. Zwar waren die Stärkegehalte der Maissilagen niedriger und die NDF-Gehalte höher als in den Jahren zuvor. Die Verdaulichkeiten von Stärke und NDF wurden jedoch höher bewertet. Deswegen ist Analytik für die Entscheidung hilfreich, ob und in welchem Maße Getreide, Körnermais oder Nebenprodukte als Energieträger einsetzt werden.

Prophylaxe

Wenn man das Risiko für Dickdarmazidosen und damit für leaky gut minimieren will, muss man:
  • Pansenfermentationsstörungen vermeiden.
  • Stressfaktoren verhindern, z.B. Hitze, Überbelegung und schlechten Liegekomfort.
  • Zusammensetzung der Ration prüfen: Wie viel Stärke und Faser füttere ich und wie verdaulich sind die Komponenten?
  • Fütterungsmanagement kontrollieren: Ist die Ration korrekt zusammengestellt und gemischt? Wird die Ration sortiert? Liegt genug Futter vor?

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