Bovines Leukosevirus: Risiko für Brustkrebs?

Dass Viren beim Menschen Krebs auslösen können, ist bereits seit Jahren bekannt. Nun wurde in Brustgewebsproben von Frauen mit Mammatumoren auffallend häufig das Bovine Leukosevirus (BLV) nachgewiesen.

Sechs verschiedene Virustypen gelten bereits als eindeutig krebsauslösend beim Menschen: Leberkarzinome durch Hepatitis B- und C-Viren, die Adulte T-Zell-Leukämie, die durch das Humane Leukämievirus verursacht werden kann und das Epstein-Barr- sowie das Humane Herpesvirus 8, die für diverse bösartige Tumoren verantwortlich sind. Eine Impfung gegen durch das Humane Papillomavirus ausgelösten Gebärmutterhalskrebs ist bereits auf dem Markt etabliert.
Über die Hälfte der Brustkrebspatientinnen BLV-positiv
Nun sorgt ein neuer Verdacht für Furore: Das Bovine Leukosevirus, mit dem in den USA mehr als 80% der Milchrinder infiziert sind. Brustgewebsproben von 239 Spenderinnen wurden sowohl auf Antikörper gegen BLV als auch auf die DNS des Virus untersucht. Dabei waren 59% der Brustkrebspatientinnen positiv auf BLV - im Vergleich zu 29% positiver Proben aus normalem Gewebe. Bei 38% der Patientinnen mit prämalignen Brustveränderungen, die noch nicht eindeutig als Krebs identifiziert werden konnte, fanden die Forscher ebenfalls das Virus. Nicht überraschend ist auch die große Menge (fast ein Drittel) positiver Proben von gesunden Frauen, denn die Latenzzeit zwischen dem initialen kanzerogenen Auslöser und dem Erscheinen eines klinisch bemerkbaren Tumors kann 20 bis 30 Jahre betragen.
Andere Faktoren, die das Vorkommen von BLV in den Gewebsproben beeinflussen könnten, wurden ausgeschlossen, so die Dauer der Probenlagerung, die Rolle des Alters der Patientinnen sowie verschiedene Loki für die Entnahme der Proben.

Prozentuales Vorkommen von BLV

modifiziert nach Buehring et al (Bildquelle: vet-consult)

Gleicher Effekt wie durch Einnahme von Hormonen
Damit ist die Wahrscheinlichkeit, nach der Infektion mit BLV an Brustkrebs zu erkranken, vergleichbar mit dem Risiko der Erkrankung durch Hormoneinnahme und einen ungesunden Lebensstil. Einen größeren Einfluss haben nur noch Vererbung, kanzerogene Strahlung und das Alter. Der größte Risikofaktor, die familiäre Disposition, zeichnet jedoch für nur 10% der Brustkrebserkrankungen verantwortlich. Obwohl Risikofaktoren für die restlichen 90% bereits erkannt wurden, wird ein auslösendes Agens für die initialen Zellveränderungen nach wie vor gesucht.
Die DNS des Virus wurde bereits vorher beim Menschen nachgewiesen; bevorzugterweise im Epithel der Milchdrüsengänge, von wo aus die meisten bösartigen Brusttumoren ausgehen. In dieser Studie waren die Tumoren meist wenig differenziert und invasiv. Auch bei Rindern infiziert das Virus am öftesten das Milchdrüsenepithel, sodass infizierte Zellen auch in die Milch gelangen. Pasteurisierung tötet den Erreger ab, jedoch hat vermutlich jeder Mensch im Laufe seines Lebens schon einmal unpasteurisierte Milch getrunken. Nur fünf Prozent der Kühe in den USA erkranken klinisch, was ein Ausschluss für die Vermarktung der Milch wäre, daher die hohe geschätzte Zahl von 84% erkrankten Milchkühen und 38% erkrankter Masttiere.
Infektionsweg für Menschen noch nicht geklärt
Wie Menschen sich infizieren, ist noch nicht geklärt. Eine Übertragung vom Rind auf den Menschen scheint denkbar, genauso eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Das Vorkommen von Brustkrebs ist signifikant höher in Ländern, in denen viel Milch verzehrt wird, was jedoch an einer Reihe von Faktoren liegen könnte. So wurde bisher in noch keiner Studie eindeutige Zusammenhänge zwischen dem Verzehr von Kuhmilch und dem Erkranken an Brustkrebs gefunden. Die Idee für die Studie stammt jedoch von genau diesem beobachteten Modell der Übertragung von Krebsviren über die Muttermilch: im Mausmodell wird das Maus-Mammatumor-Virus (MMTV) beim Saugakt übertragen. Die Maus ist damit bislang das einzige Tier, bei dem ein eindeutiges auslösendes Agens für Brustkrebs identifiziert werden konnte. Da der Großteil der westlichen Bevölkerung mehr Milch von Kühen als von Menschen verzehrt, liegt die Idee einer Übertragung des Bovinen Leukosevirus über den Verzehr von Kuhmilch nahe.
In Deutschland kann man sich allerdings auf der sicheren Seite wähnen: das Virus gilt hierzulande als ausgestorben, darüberhinaus finden regelmäßig serologische Untersuchungen der Milch statt.


Quelle: Exposure to Bovine Leukemia Virus Is Associated with Breast Cancer: A Case-Control Study. Buehring et al, Kalifornien, 2015
Bild: Rainer Sturm / pixelio.de



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