Stoffwechselgesundheit

Das Calcium-Dogma wackelt

Zwei Drittel der älteren Kühe leiden in der Frühlaktation an Calziummangel. Eine systematische Substituierung scheint nicht mehr zeitgemäß. Das zeigen Studien.

Peter Zieger

Redakteur Innovationsteam Hessen 

Hypocalcämie zählt neben der Ketose und der Azidose zu den drei wichtigsten Berufskrankheiten unserer Hochleistungskühe. Rund ein Drittel der Erstlaktierenden und bis zu zwei Drittel der älteren Kühen können davon betroffen sein. Es gibt allerdings neue Studien, die eine ganz neue Sichtweise darlegen, wonach wir die „Problematik“ Calciummangel komplett anders betrachten sollten.

Hypocalcämie

Milchfieber besser vorbeugen

vor von Marion Weerda

Mehr als 48 Prozent der Kühe in deutschen Milchkuhställen haben direkt nach der Geburt einen Kalziummangel, der die Frühlaktation negativ beeinflusst.

„Milchfieber“ kennt man bereits seit mehreren Jahrhunderten seit Beginn der frühindustriellen Milchkuhhaltung. Auch von daher ist der Begriff eigentlich irreführend, denn, so glaubte man am Anfang, wäre Fieber für das Festliegen nach der Geburt wie man es von den „Wöchnerinnen“ her kannte, verantwortlich. Erst relativ spät, Anfang des 20. Jahrhunderts, erkannte man, dass ein Mangel des Mineral Calcium die Ursache darstellt. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert.

Wie hängen Transiterkrankungen untereinander zusammen. (Bildquelle: Goff 2011)

Man kennt den akuten Blutcalciummangel der frischabgekalbten Kuh, die Gefahr läuft, zum Festliegen zu kommen. Rund jede 6./7. Kuh läuft unbehandelt Gefahr „festzuliegen“. Weitaus höher jedoch ist der Anteil der sogenannten subklinisch vom Calciummangel betroffenen Kühe. Während bei den Erstlaktierenden bis zu 1/3 Drittel einen leichten Mangel aufweisen können, steigt dieser Wert mit jeder weiteren Abkalbung rasant an, so dass in Summe 2 von 3 Kühen bei Blutuntersuchungen am ersten Tag der Kalbung auffallen.
Bislang galt die Empfehlung, diesen Calciummangel unter allen Umständen zu vermeiden und mit hohem Aufwand Calciuminfusionen und Calcium-Boli-Eingaben zu verabreichen. Zwar konnte man dadurch den Anteil der tatsächlichen Festlieger auf deutlich unter 10% verhindern, in der Summe jedoch die Kranheitsanfälligkeit für die sogenannten „Transiterkrankungen“ wie Ketose, Labmagenverlagerungen, Gebärmutterentzündung oder Mastitis nicht entscheidend reduzieren.
Dieses Dilemma beschäftigte Wissenschaftler rund um den Globus seid mehr als 20 Jahren. Nun zeichnet sich nach Meinung von vielen Forschern ein ganz anderes Bild des leichten Calciummangels bei unseren Milchkühen ab.
Demnach wird der subklinische Mangel nicht mehr kategorisch als pathologisch, also schlecht bzw. krankmachend angesehen, sondern vielmehr als ein notwendiges Signal, um  den Stoffwechsel und das Immunsystem ankurbeln zu können. In beiden Systemen nämlich ist Calcium entscheidend an Schlüsselprozessen beteiligt. Viele Universitäten in den USA beschäftigen sich derzeit intensiv mit dieser neuen Sichtweise.

Umdenken beim Calciummangel

„Leaky gut“ verhindern: Prof. Lance Baumgard (Iowa State Universität) sieht den Calciummangel genauso wie viele Ketosen heute zu einem großen Teil im Zusammenhang mit dem Funktionieren des Immunsystems und der Darm- und Pansengesundheit. Kommt es vermehrt an der Wand des Verdauungstraktes zu Entzündungen (z.B. durch Azidose, Hitzestress oder sozialen Stress), steigen einerseits die Ketonkörper im Blut an, und andererseits fallen aber im Gegensatz dazu die Calciumserumkonzentrationen ab.
Er konnte mit seiner Arbeitsgruppe zeigen, dass man den Calcium- genauso wie den Ketosespiegel im Blut stabilisieren kann, wenn man z.B.  Stress verhindert und Hefen füttert und dadurch die Darmwand stabilisiert und den sogenannten „Leaky gut“ verhindert.
Leichter Calciummangel aktiviert das Immunsystem: Sein Kollege, Prof. Jesse Goff, ebenfalls von der Iowa State Universität, der weltweit als DER „Calcium-Papst“ gilt, bestätigt diesen Zusammenhang ebenfalls und sieht einen vorrübergehenden leichten Calciummangel im Blut  insbesondere bei den hochleistenden Kühen als physiologisch und sogar notwendig an. Es sieht so aus, als ob der leichte Mangel deshalb ein wichtiges Signal sowohl an die körpereigene Calciumregulation mit der Folge einer erhöhten Calciumfreisetzung aus den Knochen und einer erhöhten Resorption an der Darmwand sendet. Darüber hinaus geht aber auch vom subklinischen Calciummangel ein wichtiges Signal an das Immunsystem, um die Körperabwehr hochzufahren.
Kühe finden, die kein Calcium mobilisieren: Prof. Laura Hernandez von der Universität Wisconsin in Madison unterstreicht die Bedeutung des leichten vorübergehenden Calciummangels ebenfalls. Es gehe in Zukunft darum genau die Kühe herauszufinden, die wirklich nicht in der Lage sind, Calcium sich selbst in ausreichendem Umfang aus dem Knochen und dem Verdauungstrakt bereitstellen zu können.
Leichter Calciummangel – mehr Milch:  Ass. Prof. Jessy McArt von der Cornell Universität hat hier bereits passende Antworten gefunden. Auf zwei Betrieben verfolgte sie mit ihrer Arbeitsgruppe die Calciumblutverläufe von frisch abgekalbten Färsen und Kühen. Es zeigten sich im Prinzip vier unterschiedliche Verläufe (Abbildung). Es gab die Tiere, die überhaupt keinen Mangel aufzeigten (graue Linie), Kühe, die erst normal waren und dann in einen Mangel rutschten (grüne Linie), Kühe, die am Tag der Abkalbung einen Mangel aufwiesen, aber ihn kompensierten (rote Linie)  und es gab Kühe, die einen dauernden Calciummangel zeigten (blaue Linie). Das Interessante und praktisch-relevante an dieser Studie ist zudem die weitere Beobachtung der Erkrankungen und Produktion der Milchleistung im weiteren Verlauf. Die Kühe mit dem vorübergehenden Calciummangel produzieren die meiste Milch und zeigen wie die Kühe ohne Calciummangel die niedrigste Erkrankungshäufigkeit. Die Kühe, die erst normal waren und später einen Mangel aufwiesen waren genauso häufig von Erkrankungen betroffen, wie die Kühe, die ein dauerhaftes Calciumdefizit aufwiesen. Sie erkrankten 4 bis 10 x häufiger an Metritiden oder Labmagenverlagerungen, und das Abgangsrisiko war um mindestens 50% erhöht.

Calciumserumverläufe nach der Abkalbung von multiparen Kühen   (Bildquelle: Mc Art  2020)

Individuell entscheiden – gezielt behandeln

Diese neuen Erkenntnisse haben inzwischen auch Auswirkung auf die Praxis. Zwar stehen pauschale Calciumblutinfusionen schon länger in der Kritik, weil sie die Calcium-Selbstregulierung („Homöostase“) stören und das Problem eher verschlimmern, doch auch Ca-Boli bringen ungerichtet nur bedingt Vorteile und sollten auch gezielt eingesetzt werden.
So In einer Studie von Blanc et al. (2014) führte die pauschale Calciuminfusion bis zu 48h später zu Calciummangelsituationen, in einer anderen Studie von Melendez et al. (2021) profitierten nur die Kühe ab der dritten Laktation von einer zweimaligen Bolusgabe.
Auch Valldecabres et al. (2017) beobachteten nach einer pauschalen Calciumbolusgabe insbesondere bei den Kühen, die keinen effektiven Mangel hatten, eine Entgleisung des Mineralstoffwechsels und raten von einer pauschalen Boligabe ab.
Viele Betriebe sehen so trotz hohem Behandlungs- und Präventionsaufwand zwar kaum noch festliegende Kühe, aber keine merkliche Reduktion bei den Transiterkrankungen. Insofern kann man vermuten, dass „Überbehandlungen“ auch gesundheitschädlich sein dürften.
In Zukunft wird man deshalb nicht mehr darum herumkommen, genauso wie bei der Ketose die Calciumkonzentrationen und – verläufe zu messen. Damit „fischt“ man genau die Kühe heraus, die wirklich eine Calciumergänzung brauchen und auch nachhaltig davon profitieren. Das spart nicht nur Zeit und Geld, sondern senkt auch nachhaltig die Erkrankungsraten.
Die Wissenschaftler der Cornell Universität haben in ihren Arbeiten ein handliches Calciumblut-Messgerät (LaquaTwin iCa, Quidee) getestet, welches eine Genauigkeit von 95% aufweist und direkt an der Kuh im Stall eingesetzt werden kann. Damit ist es erstmals möglich jede Kuh am Tag der Kalbung und 3 Tage später zu messen und entsprechend zielgerichtet zu handeln. Das Gerät kommt dabei sogar ganz ohne Teststreifen aus, muss aber regelmäßig kalibriert werden.

Calciumblut-Schnelltestgerät (Bildquelle: LaquaTwin iCa, Quidee GmbH)

 

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