Tierwohl

Erkennt sie mich?

Können Kühe sich untereinander unterscheiden? Erkennen sie auch ihre Melker wieder?  Und wenn ja, was bedeutet das für das Tierwohl? Tipps von Tierärztin Sivan Lacker.

Sivan Lacker

RedakteurTierärztin und StartUp-Gründerin

Israel 

Kühe können Emotionen von anderen Kühen jedoch von veränderten Körperhaltungen, Muhen oder an Gesichtsausdrücken (weit aufgerissene Augen) „ablesen“. Die Gesichter ihrer Artgenossen vermitteln Informationen über Identität, aber auch Aufmerksamkeits- oder Emotionszustand.
Für Tiere, die in Herden leben, sind Gesichter also eine wichtige Informationsquelle, um verschiedene Details zu erkennen. Für ein Herdentier ist es z. B. wichtig, verschiedenen Individuen in ihrer Gruppe zu identifizieren. Innerhalb der Herde werden so die sozialen Kleingruppen sowie Verhaltensweisen von Dominanz und Hierarchie gebildet (Rangordnung).
Eine Kuh muss die verschiedenen Mitglieder der Gruppe identifizieren, um zu wissen, wo sie in der Rangordnung steht.
Sivan Lacker, Tierärztin.
Dass Kühe zwischen Artgenossen unterscheiden können, zeigte eine französische Studie (Coulon et al, 2011). Die Forscher erstellten Portraitfotos von Kühen in einer bestimmten Gruppe. Zudem erstellten sie weitere Fotos von der Gruppe unbekannten Kühe, um zu testen, ob die Kühe die Gesichter ihrer eigenen Gruppenmitglieder identifizieren können. Anschließend zeigten die Wissenschafter die auf Lebensgröße vergrößerten Portraits den Gruppenmitglieder im Kuhstall.
Das Ergebnis: Kühe zeigten ein größeres Interesse an den Bildern bekannter Mitglieder ihrer Gruppe. Sie verweilten länger, rochen und leckten die Fotos der ihnen bekannten Kühe. Im Gegensatz dazu zeigten sie sehr wenig Interesse an Fotos der unbekannten Kühe.

Kühe können sich untereinander wiederkennen. (Bildquelle: Fietz, Pixabay)

Kühe haben ein Gedächtnis!

Kühe haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Sie können sich zeitlebens an positive oder negative Ereignisse erinnern. Sie speichern ihre Erinnerungen als Fotos in einem Album oder als kurze Segmente von Audiodateien ab. Dabei ordnet die Kuh das, was sie sieht oder hört, einer Erinnerung zu, die in ihrem Gehirn gespeichert ist. 
Eine Kuh kann in diesem Abspeichersprozess ein negatives Gedächtnis für einen Ort, ein Objekt oder eine Person entwickeln, wenn dies mit einer schmerzhaften oder beängstigenden Erfahrung verbunden ist. Wenn eine Kuh zum Beispiel als Färse gelernt hat, Angst vor einem gelben Regenmantel zu haben, kann sie alles erschrecken, was einem gelben Regenmantel ähnelt, wie beispielsweise eine gelbe Melkschürze.
Diese ständige Erinnerung an ein erschreckendes oder negatives Ereignis stammt aus der Zeit, als die Kühe in freier Wildbahn lebten. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass eine Kuh verschlungen worden wäre, wenn sie sich nicht an den Ort erinnert hätte, an dem sie ein Raubtier zuletzt getroffen hatte.

Erkennen Kühe Menschen wieder?

Kühe unterscheiden Menschen mithilfe von unterschiedlichen Zeichen: Geräusche, Gerüche und sichtbare Objekte (Größe des Menschen) Farbe (zum Beispiel von Kleidung). Damit sind sie in der Lage, Gesichtszüge mit der Größe einer Person zu kombinieren und so Menschen zu erkennen. Dieses ist ihnen jedoch nicht möglich, wenn sie nur das Gesicht ohne den Rest des Körpers sehen.
Verschiedene Studien haben sich mit der Identifizierung von Menschen anhand ihrer Kleidung befasst. Um zu testen, ob die Kühe besser Farben von Kleidungsstücken als Gesichter erkennen, untersuchten dänische und Kanadische Forscher (Munksgaard et al, 1997) unterschiedliche Farben von Melkschürzen und deren Wirkungen auf Kühe.

Kühe können zwischen Farben an Kleidungsstücken unterscheiden, z. B. bei Melkerschürzen. (Bildquelle: Elite Magazin)

Für die Untersuchung arbeitete derselbe Melker einmal mit einer gelben Schürze und einmal mit einer roten Schürze. Wenn er die gelbe Schürze trug, behandelte er die Kühe aggressiv, trug er die rote Schürze trug, arbeitete er ruhig. Die Kühe hielten Abstand zum Melker, als er die gelbe Schürze trug, und waren entspannter, als er die rote trug. Im nächsten Schritt des Experiments verwendeten sie einen zweiten Melker, der den Kühen unbekannt war. Dieser trug alternativ die gelben und roten Schürzen in verschiedenen Melkvorgängen. In beiden Fällen behandelte er die Kühe ruhig und still.
Das Ergebnis: Die Kühe hielten Abstand zum zweiten Melker, als er die gelbe Schürze trug, wie sie es zuvor getan hatten. In diesem Fall war der Abstand zum zweiten Melker jedoch geringer als der zum ersten Melker in der gelben Schürze. Die Forscher schlossen daraus, dass Kühe zwischen Menschen unterscheiden können. Sie wussten, dass eine gelbe Schürze etwas bedeutete, vor dem man sich hüten musste. Gleichzeitig erkannten sie bei der roten Schütze, dass es sich um einen anderen Melker handelte, der nicht unbedingt aggressiv war.

Keine medizinischen Behandlungen im Melkstand!

Kühe können sich also an Menschen erinnern. Sie haben dabei Erinnerungen an positive und an negative Erfahrungen. Sie können ihre Artgenossen identifizieren und Gesichtsausdrück unterscheiden. Um all diese Informationen richtig nutzen zu können, müssen Situationen im Milchkuhbetrieb, die negative Erinnerungen für die Kühe hervorrufen können, so weit wie möglich reduziert werden. Gleichzeitig heißt es, positive Erfahrungen für Kühe zu maximieren.
Zum Beispiel sollte der Melkstand ein stressfreier Bereich für die Kühe sein. Hier sollten Kühe keine negativen Erinnerungen erfahren. Daher empfiehlt es sich z. B., medizinische Behandlungen an den Kühen nicht im Melkstand durchzuführen (Impfungen, Injektionen,..). Denn diese sind für die Kühe schmerzhafte Erfahrungen. Besser ist es, medizinische Behandlungen separat in einem Behandlungsstand durchzuführen.
Bei Färsen lohnt es sich, sie vor dem Kalben an den Melkstand zu gewöhnen. Dadurch können sie Gerüche und Geräusche auch den Melkstand vorstellen, um sie an die Gerüche und Geräusche in der Region zu gewöhnen. Haben sie dort positive Erfahrungen gemacht, kann es viel einfacher sein, sie später dort zu melken.
Den emotionalen Zustand des Tieres zu kennen, ist also notwendig, um Tierwohl zu verbessern. Auskunft über diesen Zustand geben z. B eine Veränderung der Körperhaltung, der Vokalisation (Muhen) oder der Gesichtsausdrücke (weit aufgerissene Augen). Da Kühe diese Veränderungen wahrnehmen und daran den emotionalen Zustand von anderen Kühen erkennen können, können diese auch von Menschen nachvollzogen werden und zur Verbesserung des Tierwohls genutzt werden. 

Behandlungen sollten nie im Melkstand durchgeführt werden, da Kühe dann ihre Erinnerungen an den Melkstand mit Schmerzen verbinden können. (Bildquelle: Stöcker-Gamigliano)

Was ist Tierwohl?

Das Wohlergehen von Tieren, das Tierwohl, besteht aus mehreren Komponenten. Für ein bestmögliches im Stall Um ein hohes Tierwohl bei Kühen zu erreichen, müssen alle drei Komponenten in der täglichen Arbeit mit Kühen im Stall beachtet werden. Diese drei Tierwohl-Komponenten sind:
Gesundheit: Gesundheit ist im Tierschutzgesetz als Abwesenheit von Krankheiten und Verletzungen definiert. Mittlerweile ist jedoch nachgewiesen, dass sich Wohlbefinden und Gesundheit gegenseitig beeinflussen. Gesundheit wird daher als ganzheitlicher Zustand definiert und setzt sich aus körperlicher, geistiger und sozialer Gesundheit zusammen.
Emotionaler Zustand: Emotionen sind per Definition schwer zu fassen. Im Tierschutz spricht man daher von emotionalem Zustand, also von vorübergehenden Gemütserregungen, die durch äußere Anlässe oder innere psychische Vorgänge ausgelöst werden. Diese Zustände entscheiden darüber, wie das Individuum auf sine Umwelt reagiert. Die emotionalen Fähigkeiten von Kühen werden darin deutlich, dass sie versuchen, negative Zustände wie Stress und Schmerz zu minimieren und positive Zustände wie Vergnügen zu suchen (z. B. Besuch an der Kuhbürste).
Natürliches Verhalten: Bei der Domestizierung von Tieren hat der Mensch das Tier aus seiner natürlichen Umgebung herausgenommen und in eine neue und definierte Umgebung eingeführt. Dieses verhindert zum Teil das Ausleben ihres natürlichen Verhaltens. Schafft der Mensch eine Umgebung im Stall, die den natürlichen Lebensraum von Kühen simuliert (natürliche Elemente in den Stall integrieren, z. B. Lichtverhältnisse), wirkt das positiv auf das Tierwohl, da Kühe ihr natürliches Verhalten ausleben können.

Tierwohl-Export aus Israel

Die israelische Tierärztin Sivan Lacker berät mit ihrem StartUp MDFarming Betriebsleiter und Mitarbeiter auf Milchkuhbetrieben in Sachen Tierwohl. 

MDFarming (Bildquelle: MDFarming)

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