Rindergrippe

Grippeschutz 4.0

Wenn der Infektionsdruck so hoch ist, dass auch Kühe an Grippe erkranken, dann kann die Herdenimpfung sinnvoll sein. Ein Fallbericht.

Die Enzootische Bronchopneumonie ist eines der häufigsten Probleme in Mast- aber auch in Milchkuhställen. Klinisch auffällig werden oft nur die jüngeren Tiere, weil deren Immunsystem gegenüber den viralen Erregern, wie BRSV, PI3V aber auch gegen Bakterien wie M. haemolytica noch nicht ausreichend geschützt ist. Doch es erkranken auch ältere Tiere und sogar Kühe, insbesondere diejenigen, deren Abwehr geschwächt ist. Eine gezielte Impfung dient als vorbeugender Schutz. Der Tierarzt Dr. Jan Hendrik Steudtner und Landwirt Steffen Galts verfolgen dabei das Konzept der Herdenimpfung.

Tierarzt  Dr. Jan Hendrik Steudtner (Bildquelle: Engels)

Langfristige Lungenschäden

Landwirt Steffen Galts bewirtschaftet zusammen mit seinem Bruder einen Milchkuhbetrieb in Ostfriesland. 80 Kühe plus weibliche Nachzucht stehen im Stall, die Milchleistung liegt derzeit bei etwa 11.600 Liter je Kuh und Jahr bei guten Inhaltsstoffen. Galts liefern ihre Milch an die Molkerei Ammerland und nehmen am Weidemilchprogramm teil. Der Betrieb ist eigentlich gut aufgestellt. Aber bei den frisch abgekalbten Kühen gab es viel Probleme mit der Rindergrippe. Sobald klinische Symptome sichtbar werden, ist Lungengewebe unwiderruflich zerstört. Außerdem führt die langwierige antibiotische Therapie zu wirtschaftlichen Verlusten durch Tierarztkosten und Milchverlust (Sperrmilch). Als Schutzmaßnahme impfte der Tierarzt nur die trockenstehenden Kühe gegen Grippe. Das ging über längere Zeit gut, aber reichte irgendwann nicht mehr. Auch Blutuntersuchungen zeigten, dass die Zahl der Immunzellen zurückging.

Kühe gegen Grippe impfen 

Daraufhin impfte der Tierarzt erstmals im November 2020 zweimal im Abstand von drei Wochen und dann im Frühjahr 2021 erneut zum Erhalt der Immunität (Dauer: Sechs Monate) einmalig den ganzen Bestand (Färsen und Kühe) gegen BRSV, PI3V und M. haemolytica. Im Betrieb Galts wird aktuell kurz vor Weideauftrieb und bei Weideabtrieb geimpft. Mit jeder Impfung geht der Erregerdruck weiter zurück. Die frisch abgekalbten Kühe haben seitdem keine Atemwegsprobleme mehr und der Antibiotikaeinsatz konnte drastisch reduziert werden.

Cocooning für die Kälber

Durch die Impfung aller Kühe der Herde zum gleichen Zeitpunkt entsteht auch für die noch ungeimpften Kälber ein gewisser Schutz, man nennt diese Art von Schutz „Cocooning“. Bei hohem Infektionsdruck funktioniert dieses Cocooning anfangs noch nicht ausreichend. Dann empfiehlt sich die Bestandsimpfung, die auch Kälber ab der zweiten Lebenswoche miteinbeziehen. Je größer die Betriebe sind, desto eher werden Bestandsimpfungen durchgeführt. Inzwischen impfen 7 % der Betriebe aus der Tierarztpraxis Steudtner die ganze Herde.

Frischluft und Energie für fitte Kälber

Obwohl im Betrieb Galts bisher hauptsächlich die Kühe mit Atemwegsproblemen betroffen waren, gab es auch bei den Kälbern häufig Fälle. Das lag sicher auch an der Unterbringung im Altgebäude, denn dort gab es eine tiefe Zwischendecke mit wenig Frischluftzufuhr. Inzwischen haben die Landwirte eine neue Halle gebaut, sie gut isoliert und mit Tubes für die Frischluftzufuhr versehen.

Die Tubes soregn dafür, dass viel Frischluft in den Stall gelangt.  (Bildquelle: Engels )

Das hat die Tiergesundheit deutlich verbessert. Für die neugeborenen Kälber gibt es fahrbare Iglus, die außerhalb des Stalles stehen und dort gut mit dem Hochdruckreiniger sauber gemacht werden können. Außerdem wurde ein defekter Tränkeautomat durch eine Milchbar für die Tränke von festen 6er-Gruppen ersetzt. Jetzt stoßen die großen die kleinen Kälber nicht mehr weg, alle erhalten gleichmäßig viel Milch. Kurz nach der Geburt bekommen die Kälber 3-4 l Kolostrum ihrer Mutter wie auch über weitere 5 Tage. Durchfallprobleme gibt es kaum, wohl auch wegen der Mutterschutzimpfung gegen Rotaviren. Zusätzlich zur Milchtränke erhalten die Kälber Kälbermüsli und Kälber-TMR, dies nehmen sie sehr gut an. Die TMR besteht aus kurzgehäckseltem Stroh, Flakes, Melasse, Körnermais, Mineralfutter. Es steckt viel Energie drin, dadurch sind die Kälber satt und gut ausgefüttert in den ersten Wochen, das macht sie zu leistungsfähigen Kühen, Stichwort metabolische Programmierung. Uns ist klar, dass wir hier in etwas investieren, dessen Erfolg wir erst in 2 Jahren sehen“, weiß Steffen Galts. Aber er weiß um die Bedeutung vorbeugender Maßnahmen und darum, wie wichtig eine gute Aufzucht für das spätere Kuhleben ist.
 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Tragen Sie sich jetzt ein und wir senden Ihnen automatisch weitere Artikel zu