Grippeschutz 4,0

Herdenimpfung schützt auch die Kälber

In einem Betrieb mit Atemwegsproblemen brachte die Bestandsimpfung mit Grippeimpfstoff eine deutliche Besserung.  

Die Enzootische Bronchopneumonie (Rindergrippe) genannt, ist eines der häufigsten Probleme in Mast- aber auch in Milchkuhbetrieben. Klinisch auffällig werden oft nur die jüngeren Tiere, weil  deren Immunsystem gegenüber den viralen Erregern, wie BRSV, PI3V aber auch gegen Bakterien wie M. haemolytica noch nicht ausreichend gewappnet ist. Doch es erkranken auch ältere Tiere und sogar Kühe, insbesondere diejenigen, deren Abwehr geschwächt ist. Eine gezielte Impfung dient als vorbeugender Schutz. Der Tierarzt Dr. Jan Hendrik Steudtner und Landwirt Steffen Galts verfolgen dabei das innovative Konzept der Herdenimpfung.

Der landwirt hatte zuenhmend problem mit Rindergrippe in der Herde.  (Bildquelle: Enegls )

Hochleistender Weidemilchbetrieb

Landwirt Steffen Galts bewirtschaftet zusammen mit seinem Bruder Heiko und gelegentlicher Mithilfe seiner Eltern sowie eines weiteren Bruders einen Milchviehbetrieb im ostfriesischen Wittmund-Blersum. Es ist seit vielen Generationen ein Familienbetrieb und gehört zum Verein ostfriesischer Stammzüchter (VOST). Zum Betrieb gehören 120 Hektar, überwiegend Grünland, sie betreiben aber auch Ackerbau und Futterbau. 80 Kühe plus weibliche Nachzucht stehen im Stall, die Milchleistung liegt derzeit bei etwa 11.600 Liter je Kuh und Jahr. Galts liefern ihre Milch an die Molkerei Ammerland und nehmen am Weidemilchprogramm teil. Die Fütterung der 80 Kühe erfolgt einmal am Tag vormittags mit einer Mischration über den Futtermischwagen und über diverse Kraftfutterstationen. Die Ration besteht aus Gras- und Maissilage, eigenem Getreide, Eiweißkomponenten, Mineralfutter und Wasser.

80 Kühe plus weiblcihe nachzucht stehen hie rin Ostfreisland im Stall.  (Bildquelle: Engels )

Immunsystem geschwächt 

Der Betrieb ist eigentlich gut aufgestellt, doch ein Problem verfolgen die Galts schon lange: die Rindergrippe. Der Tierarzt Dr. Jan Hendrik Steudtner erinnert sich: „Wir betreuen den Betrieb seit 2004. Schon damals gab es Probleme in der Kuhherde mit Rindergrippe, und zwar vornehmlich bei den frisch abgekalbten Kühen. Als Schutzmaßnahme impften wir zu dieser Zeit nur die trockenstehenden Kühe gegen Grippe. Das ging über längere Zeit gut und es hatte sich auch bewährt, nur die trockenstehenden Tiere zu impfen. Diese Maßnahme wurde aber eben immer bloß durchgeführt, wenn es Probleme gab. Doch dann klappte diese Methode irgendwann nicht mehr. In allen Betrieben unserer Praxis ist das Thema Atemwegsprobleme insgesamt mehr geworden, warum wissen wir nicht genau, der Erregerdruck ist über die Jahre immer größer geworden. Ein Grund könnte sein, dass die Kühe nicht mehr so immunkompetent sind wie früher. Wir nehmen regelmäßig Blutproben und lassen diese im Labor nicht nur auf die jeweilige Fragestellung untersuchen, sondern immer auch auf die Anzahl der Leukozyten, Erythrozyten und Blutplättchen. Damit können wir sehen, wie gut das Immunsystem arbeitet und wie gut die Tiere auf eine Infektion reagieren können. Dabei haben wir festgestellt, dass häufig zu wenige dieser Zellen im Blut sind. Eigentlich banale Infektionen haben so leichtes Spiel, wenn dann der Erregerdruck noch zunimmt, kippt das System.“

Neue Wege bei der Grippeimpfung

Die Impfung gegen die Rindergrippe musste also neu gedacht werden. Die Bestandsimpfung des gesamten Betriebes - als seuchenhygienische Einheit – stand zur Diskussion. „Den ganzen Bestand gegen Rindergrippe zu impfen, um eine Herdenimmunität aufzubauen, hatte bis dato aber kaum jemand gemacht, denn in Milchviehbetrieben wird häufig der Fokus mehr auf das Einzeltier gelegt. Doch im Grunde ist es ja ein Herdentier. Bei den Schweinen ist eine Bestandsimpfung üblich, beim Geflügel und bei Mastkälbern auch, aber bei der Milchkuh noch nicht“, so Dr. Steudtner. In den Jahren 2017/2018 impfte er dann erstmalig ganze Milchkuh- Bestände, denn es gab mehrere Betriebe mit der Problematik Rindergrippe. Der Impfstoffhersteller Boehringer Ingelheim unterstützte  mit umfassender Beratung zur Diagnostik, so dass in verschiedenen Altersklassen Blutproben untersucht  wurden, um Anhaltspunkte für ursächliche Erreger zu ermitteln.  
„Die erste Bestandsimpfung gab schlaflose Nächte, denn wir leben von und mit den Landwirten und wenn solch eine Maßnahme nicht funktioniert, wäre das ganz schlecht für mich. Sogar mein Vater hat mich gefragt, ob das seine Richtigkeit hat und er ist seit 35 Jahren im Beruf, aber er kannte so etwas eben nicht“, schilderte Dr. Steudtner die damalige Unsicherheit. „Doch es funktionierte, zwar nicht von heute auf morgen, man darf nicht ungeduldig werden, denn es ist eine mittel- bis langfristige Maßnahme. Der Erregerdruck muss erst runter gehen. Außerdem muss zweimal im Abstand von 3 Wochen geimpft werden und dann alle 6 Monate, um die Herdenimmunität aufzubauen. Wenn das nicht gemacht wird, funktioniert die Bestandsimpfung nicht. Je öfter man impft, desto deutlicher werden die Verbesserungen.“ Der verwendete Impfstoff von Boehringer Ingelheim schützt gegen das bovine Parainfluenza 3-Virus (PI3V), das bovine Respiratorische Synzytialvirus (BRSV) und gegen den bakteriellen Erreger Mannheimia haemolytica. Er ist damit wirksam gegen die derzeit wichtigsten Erreger der Rindergrippe und bietet einen breiten und langanhaltenden Schutz über 6 Monate. Er ist für Kälber und auch für tragende und laktierende Kühe zugelassen und deshalb gut zur Bestandsimpfung geeignet. Die Impfung wird per Injektion verabreicht und ist sehr gut verträglich.

Impfung als Prophylaxe bewährt sich 

Mit diesem Wissen impfte der Tierarzt auch den Bestand von Steffen Galts erstmals im November 2020 zweimal im Abstand von 3 Wochen und dann im Frühjahr 2021 erneut zum Erhalt der Immunität einmalig. „Es scheint auch hier gut zu klappen, die frisch abgekalbten Kühe haben seitdem keine Atemwegsprobleme mehr. Der Zeitraum für eine endgültige Bewertung ist hier aber noch kurz, gerade einmal 6 Monate“, erklärt Steffen Galts. Er steht trotzdem voll hinter diesem Konzept. „Wenn man in prophylaktische Maßnahmen wie in diesem Fall eine Herdenimmunisierung investiert und so den Anteil erkrankter Tiere sowie den Antibiotikaeinsatz drastisch reduzieren kann, hat es sich für Tier und Mensch gelohnt. Man sieht es den Tieren auch an, die Kühe haben keinen Augenausfluss, kein bis nur vereinzeltes Nasensekret und ein schönes Fell. Sie sind leistungsfähig und wir haben keine Sperrmilch mehr. Außerdem ist die belastende Situation beendet, dass wir bei den Frischkalbern so schwere Atemwegserkrankungen haben. Es bleibt ja immer ein Schaden in der Lunge zurück, und bei den frisch in der Milch stehenden Kühen ist das sehr ärgerlich.“ Von anderen Betrieben, in denen von Dr. Steudtner schon vor längerer Zeit die Bestandsimpfung eingeführt wurde, kann der Tierarzt über eine merklich verbesserte Tiergesundheit und über langlebige Tiere, die die 100.000 Litermarke erreichen, berichten.

Cocooning für die Kälber

7 % der Betriebe aus der Praxis Steudtner impfen jetzt den gesamten Tierbestand und bei allen hat es sich bereits bewährt. Für die Region sind Tierarzt und Landwirte damit Vorreiter für dieses Impfkonzept. In den neuen Bundesländern werden schon häufiger ganze Bestände in großen Betrieben komplett gegen Grippe und weitere Erkrankungen geimpft. Für Steffen Galts sind diese zwei Impftermine im Jahr gut umzusetzen und in die Alltagsarbeit zu integrieren. Er impft kurz vor Weideauftrieb und bei Weideabtrieb, um jeweils die gesamte Herde immunisieren zu können. „Bei Kälbern ist es natürlich so, dass man zwischen den beiden Impfterminen weitere Geburten hat. Diese Kälber lassen wir bis zum nächsten Impftermin ungeimpft, um eine gewissen Routine reinzubekommen“, erklärt der Landwirt. Durch die Impfung aller Kühe der Herde zum gleichen Zeitpunkt entsteht auch für die noch ungeimpften Kälber ein gewisser Schutz, man nennt diese Art von Schutz „Cocooning“. Doch Dr. Steudtner macht klar: „Bei hohem Infektionsdruck funktioniert dieses Cocooning anfangs noch nicht ausreichend. In diesem Fall muss man es schaffen, auch die im Zwischenzeitraum geborenen Kälber zu impfen. Diese Kälber können dann zukünftig in die Routine mit aufgenommen werden, auch wenn man mal nach 4 Monaten schon nachimpft.“

Durch die Impfung der Kühe ist auch für die Kälber ein gewisser Schutz vorhanden, man nennt diese Art von Schutz „cocooning“.stall . (Bildquelle: Engels )

Frischluft und Energie für fitte Kälber

 Obwohl im Betrieb Galts bisher hauptsächlich die Kühe mit Atemwegsproblemen betroffen waren, gab es auch bei den Kälbern häufig Fälle. „Früher hatten wir die Kälber im Altgebäude, aber dort gab es eine tiefe Zwischendecke mit wenig Frischluftzufuhr, die Kälber hatten dadurch auch mal Atemwegsprobleme. Deshalb haben wir eine neue Halle gebaut, sie gut isoliert und mit Tubes zur Frischluftzufuhr versehen. Seitdem ist die Tiergesundheit deutlich besser geworden“, berichtet Steffen Galts. Für die neugeborenen Kälber hat er fahrbare Iglus besorgt, damit man sie außerhalb des Stalls besser mit dem Hochdruckreiniger sauber machen kann, denn die erregerhaltigen Aerosole würden sich sonst bei der Reinigung im Stall verteilen.
Zusätzlich stellten sie in Absprache mit Dr. Steudtner die Tränke von einem Tränkeautomaten, der nicht mehr gut funktionierte, auf die Milchbar um und bildeten feste 6er-Gruppen. Jetzt stoßen die großen die kleinen Kälber nicht mehr weg, alle erhalten gleichmäßig viel Milch. Kurz nach der Geburt bekommen die Kälber  2-3 l Kolostrum ihrer Mutter wie auch über weitere 5 Tage. Durchfallprobleme gibt es kaum, wohl auch wegen der Mutterschutzimpfung gegen Rotaviren. „Zusätzlich zur Milchtränke erhalten die Kälber Kälbermüsli  und Kälber-TMR, dies nehmen sie sehr gut an. Die TMR besteht aus kurzgehäckseltem Stroh, Flakes, Melasse, Körnermais, Mineralfutter. Es steckt viel Energie drin, dadurch sind die Kälber satt und gut ausgefüttert in den ersten Wochen, das macht sie zu leistungsfähigen Kühen, Stichwort metabolische Programmierung. Uns ist klar, dass wir hier in etwas investieren, dessen Erfolg wir erst in 2 Jahren sehen“, weiß Steffen Galts. Aber er weiß um die Bedeutung vorbeugender Maßnahmen und darum, wie wichtig eine gute Aufzucht für das spätere Kuhleben ist.
Eigentlich wäre mit den weitläufigen Weideflächen und dem Doppel 10er Fischgrätenmelkstand Platz für mehr Kühe, doch den Galts fehlt wie so vielen Landwirten aktuell die Planungssicherheit. Deshalb wollen sie erst einmal weiter das Vorhandene optimieren. Mit dem Tierarzt Dr. Steudtner haben sie dafür den richtigen Partner an ihrer Seite.

Hungergruben, Milchinhaltsstoffe und TMR:

Rund-um-Beratung durch den Tierarzt

Dr. Jan Hendrik Steudtner ist Tierarzt in 3. Generation in der Tierarztpraxis Burhafe / Middels. Den Betrieb Galts in Wittmund-Blersum betreut die Praxis Steudtner/Schumann schon seit 2004, seit Herbst 2020 in Form einer Intensivberatung. Dazu gehören eine Milchkontrolldatenauswertung, eine Rationsberechnung sowie die Beratung zu Boxenhygiene und Fütterung. Wie kann diese Rund-um-Betreuung dem Betrieb helfen?
Dr. Steudtner, wie kam es zu diesem Intensivberatungsangebot?
Klassischerweise wird der Tierarzt gerufen, wenn die Kuh krank ist. Wir verfolgen jedoch den Ansatz, dass die Tiere erst gar nicht krank werden bei guter Leistung. Uns bewegt die Frage, wie wir es schaffen, dass Landwirte gut und sicher durch die derzeitige Durststrecke kommen.
Tierärzte sind unabhängige Berater. Wenn wir die Tiergesundheit verbessern, haben wir gesündere, leistungsfähigere und langlebigere Tiere. Als ich vor 4 Jahren in die Praxis einstieg, habe ich diesen Ansatz begonnen, den ich durch meinen Lehrtierarzt Dr. Arndt Grottendieck beigebracht bekommen habe. Steffen hat davon gehört, und so fingen wir an. Ursprünglich hatte er wegen einer Trockenstehration angefragt, und dann kamen viele weitere Themen hinzu.

Dr. Steudner ist in dritter Generation Tierarzt in Ostfriesland.  (Bildquelle: Engels )

 
Was sind Ihre Ziele für diesen Betrieb?
Im Betrieb Galts steht die Fütterungsoptimierung ganz weit oben. Wir wollen mit einer ausgewogenen Milchviehration eine hohe Milchmenge mit starken Inhaltsstoffen melken. Denn Milchmenge ist nicht alles, auch Eiweiß- und Fettgehalt und Zellzahlgehalt müssen stimmen. Aktuell liegt der Betrieb bei überdurchschnittlichen 4,20 % Fett und über 3,60 % Eiweiß, und das bei rund 38 l Milch je Kuh und Tag.
Und da hier oft Kühe kurz nach dem Abkalben erkrankten, wollen wir natürlich speziell die 
Gesundheit der frisch abgekalbten Kühe verbessern. Dafür schauen wir genau hin: Wo liegen die Probleme, was funktioniert nicht im System?
 
Sind Sie schon fündig geworden?
Ja. Abgesehen von der Grippeproblematik, die wir ja über die Herdenimpfung in den Griff bekommen, nehmen wir den pH-Wert im Pansen ins Visier. Wir haben geschaut, wie die Tiere fressen. Sie selektierten das Futter stark, aber wenn sie das tun, gibt es pH-Wert Schwankungen durch die immer unterschiedliche Futterzusammensetzung. Das ist nicht gut und führt zu Stoffwechselproblemen mit all den negativen Folgen. Die Idee einer kompakten Mischration kommt aus Dänemark. Diese bietet immer zu jedem Zeitpunkt die gleiche Futterzusammensetzung, dadurch habe ich eine deutlich ruhigere Herde, weil die Tiere kontinuierlich fressen, und erreiche so eine höhere Trockensubstanzaufnahme am Futtertisch. Wir mischen noch Wasser in die Ration und stellen so einen TS-Gehalt von 36 % ein. Die Kühe selektieren weniger und ich bekomme die Erstkalbstiere deutlich besser in die Herde, weil das Tier es mag, immer das gleiche zu fressen. Weniger Standzeit am Futtertisch ist gut für die Klauen, die Tiere sind gut konditioniert, die Hungergruben sind voll. Wir führen regelmäßig ein BCS-Scoring zur Kontrolle durch.
 
Welche Punkte gehen Sie noch an?
Wir haben aus Hochboxen Tiefboxen gemacht und diese mit Stroh eingestreut, weil die Kühe diese besser annehmen. Nun liegen die Kühe sehr oft, was gut für ihren Stoffwechsel und die Klauen ist. Derzeit sind die Boxen noch nicht optimal gestaltet, so dass der Kot hinten in die Box fällt. Am richtigen Boxenmaß arbeiten wir noch, eventuell muss das Bug weiter nach hinten. Für die Trockensteher haben wir die Ration angepasst: Sie bekommen nun die Laktationsration mit viel Stroh verdünnt, so dass sie eine hohe TS-Aufnahme haben bei wenig Energiezufuhr. Grundlage ist hier die Laktationsration, die variiert wird. So ist es für den Betrieb einfach und umsetzbar. Verschiedene Phasen je nach Leistungsgruppe machen Sinn, aber nur bei größeren Herdengrößen sind sie auch umsetzbar. Die Kühe geben zum Trockenstellen noch an die 35 l Milch, so dass man zukünftig überlegen könnte, das Kalbeintervall zu verlängern. Sie sehen, es gibt viele Ansatzpunkte für die Optimierung.
 
Herr Dr. Steudtner, vielen Dank für das Gespräch!
 
 Anmerkung: Der Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Boehringer Ingelheim Vetmedica entstanden.

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