Kälberaufzucht

Mehr Tierwohl für Kälber!

Aufzuchtkälber zeigen oft an ihrem Verhalten an, ob Gesundheit, Fütterung und Haltung stimmen. Tipps, wie Sie das Tierwohl direkt an ihren Kälbern ablesen können.

In vielen Kuhställen wurden in den letzten Jahren Ventilatoren eingebaut, Liegeboxen optimiert, die Bodenoberflächen an die Klauen angepasst. Kühe sind jedoch auf einem Milchkuhbetrieb (meist) nicht die einzigen, die beste Bedingungen für gutes Tierwohl brauchen.
Auch Kälber benötigen während der Aufzucht die besten Bedingungen. Denn schlecht aufgezogene Kälber entwickeln sich später selten zu leistungsstarken Milchkühen. Wie es um das Tierwohl im Kälberstall steht, kann man dabei oft schon am Verhalten der Kälber erkennen.

Gesunde Kälber sind neugierig

Der erste und wichtigste Indikator für Kälberwohl ist Gesundheit. Nur gesunden Kälbern kann es gut gehen. Ein gesundes Kalb erkennen Sie u. a. daran, dass es
  • …lebhaft und aufmerksam ist. Es reagiert mit Ohrenspiel und Aufblicken auf Geräusche.
  • ...lautlos und kaum sichtbar atmet. Es hustet und röchelt nicht.
  • ...sauberes und glattes Fell hat. Der Kot ist pastös und ocker-gelb.

Gesunde Kälber reagieren neugierig auf ihre Umgebung. (Bildquelle: Söcker-Gamigliano)

Bemerken Sie beim Blick in den Kälberstall apathisch wirkende Kälber, die kaum reagieren, verschmutzte Kälber mit struppigem Fell oder hustende oder röchelnde Kälber, müssen Sie sofort reagieren. Krankheiten bremsen die Entwicklung und rächen sich noch Jahre später!
Um die Gesundheit an Zahlen zu messen, helfen bei Tränkekälbern bis acht Monaten z. B. der Anteil der Behandlungen, Kälberverluste und Verschmutzung (Übersicht 1).

1. Indikatoren für Kälbergesundheit

Gut getränkte Kälber besaugen sich nicht

Für optimales Kälber-Tierwohl muss zudem die Fütterung stimmen. Wie es darum steht, lässt sich z. B. an der Gewichtsentwicklung ablesen. Die täglichen Zunahmen sollten zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat bei ca. 1.200 g ­liegen, danach bis zum 14. Lebensmonat bei 750 bis 900 g.
Bei der Futteraufnahme zeigen Kälber schon früh einen ausgeprägten Tagesrhythmus. Untersuchungen an der Hochschule Neubrandenburg zeigten, dass gesunde Kälbernachts nur kurz Tränke oder Beifutter aufnehmen und überwiegend morgens, am frühen Nachmittag und abends fressen.
Abnormales Verhalten bei der Futteraufnahme zeigt sich, wenn Kälber sich gegenseitig besaugen. Dagegen können kleinere Öffnungen des Saugnuckels helfen, die den Saugwiderstand erhöhen und so den Saugreflex besser stillen sollen. Außerdem empfiehlt sich eine Ansäuerung des Milchaustauschers, sodass Kälber weniger Menge, dafür häufiger saufen.
Eine weitere Maßnahme könnte sein, mehr MAT zu füttern. Wissenschaftler konnten beobachten, dass sich Kälber mit begrenzten Tränkeanrechten (8 l und 10 l) häufiger besaugten als bei einem Tränkeanrecht von 12 l (bis zum 49. LT). Dann trat gegenseitiges Besaugen kaum auf.

Intensiv getränkte Kälber besaugen sich weniger. (Bildquelle: Berkemeier)

Kälber, die sich wohlfühlen, spielen viel

Neben Gesundheit und Fütterung legen Aufzuchtkälber ein ausgeprägtes Sozialverhalten an den Tag. So haben sie einen festen Tagesrhythmus mit regelmäßigen Ruhezeiten (insgesamt 13 bis 16 Std.) und Aktivperioden. Ihre Hauptaktivitätszeiten sind morgens, nachmittags und abends.
Normales Verhalten während der aktiven Zeiten zeigt sich, wenn Kälber während dieser Zeit
  • Futter und Wasser aufnehmen;
  • ihre Umgebung erkunden (z. B. Gegenstände beschnuppern oder belecken) oder
  • mit anderen Kälbern (z. B. Hornen, Kampfspiele) oder mit Spielzeug spielen.
Damit Kälber ihr normales Spiel- und Sozialverhalten ausleben können, müssen die Haltungsbedingungen stimmen. Dazu gehört u. a. ausreichend Platz (mind. 3 m2 Bewegungsfläche und 8 bis 10 m3 Luftraum), Licht (> 10 Std., 80 – 130 lux), frische Luft (Luftgschw. unter 0,2 m/Sekunde, Luftfeuchtigkeit zw. 60 und 80 %) sowie trockene und saubere Einstreu. Mikroklimabereiche (Abdeckplatten im hinteren Stallbereich) bieten den Kälbern zusätzlich eine zugluftfreie Rückzugsmöglichkeit. Ab dem dritten Lebenstag können Kälber zu zweit in einem Doppeliglu gehalten werden.
Neben dem sozialen Faktor sollen sie so von Anfang an besser fressen und sich schneller an neue Situationen (Tränkeautomat, Futter) gewöhnen können. Außerdem helfen zusätzliche Elemente im Stall den Kälbern, ihren Spiel- und Erkundungstrieb auszuleben, z. B. befestigte Ausläufe (Bewegungsdrang); elektrische Kälberbürsten, hängende Spieligel oder Edelstahlketten (Spieltrieb) oderHeu- und Grasspender (Erkundungstrieb/Neugier).

Null Prozent Kälberverluste

Investitionen und gutes Management zahlen sich bei der Kälberaufzucht aus. Tierärztin und Milchfarmerin Jodi Wallace aus Quebec (Kanada) hat es geschafft, vier Jahre in Folge kein einziges Kalb auf ihrem 100-er Kuhbetrieb zu verlieren. Das hat sie erreicht, in dem sie 2014 in einen neuen Kälberstall investiert und in diesem Zuge das Management zum Besseren verändert hat. Ihre Strategien sind u.a.:
• Neugeborene Kälber kommen direkt nach der Geburt für einige Stunden in den „Brutkasten“, eine kleine, auf 26°C beheizte Kammer. Nach jeder Belegung wird der Brutkasten gereinigt.
• Danach werden die Kälber in Zweiergruppen untergebracht. Durch den Sozialkontakt von Anfang an sind die Kälber weniger scheu und fressen besser.
• Ältere Kälber sind in größeren Gruppen maximal zu acht mit gleich alten Tieren untergebracht.
• Die Kälberiglus werden im Winter täglich, im Sommer dreimal wöchentlich neu eingestreut.
Der wichtigste Faktor auf der Farm ist, dass alle Mitarbeiter konsequent die grundlegenden Dinge richtig machen. Dazu gehört, neugeborene Kälber so schnell wie möglich zu versorgen, ausreichende Mengen zu tränken und Milcheimer nicht nur mit kaltem Wasser, sondern in einem Geschirrspüler zu spülen.

Milchfarmerin und Tierärztin Jodi Wallace hat vier Jahre in Folge keine Kälber auf ihrem Milchkuhbetrieb verloren. (Bildquelle: Heil)

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