Stallgespräche

Sc. uberis unter der Lupe

Umweltmastitiden sind ein Problem in vielen Milchkuhherden. Die wichtigsten Punkte für ein wirksame Therapie und Prophylaxe.

Streptococcus (Sc.) uberis ist der bekannteste Vertreter klassischer Umwelterreger, die gerade im Sommer zu vermehrten Euterentzündungen und hohen Zellzahlen führen. Im Rahmen eines Stallgesprächs mit dem Eutergesundheitsexperten Prof. Volker Krömker und Betriebsleiter Ulrich Westrup (600 Kühe, 13.000 Kg Jahresleistung) haben wir die wichtigsten Fakten über den Umwelterreger zusammengefasst.
Hohe Teilungsraten im Sommer
Sc. uberis kann Kühe grundsätzlich jederzeit in der Laktation infizieren. Kurz nach der Kalbung kommt es oft vermehrt zu Infektionen, weil Erreger schon aus der Trockenperiode mitgebracht wurden und das Immunsystem der Kuh rund um das Kalben geschwächt ist. Das Problem bei Sc. uberis ist, dass die Bakterien im Sommer sehr hohe Teilungsraten erreichen und so leicht jede Kuh infizieren können – egal in welchem Lakationsstadium oder -nummer-. Zudem ist eine Kuh, die schon einmal Sc. uberis hatte, empfänglicher für eine Neuinfektion.

Sc. uberis ist da, wo viele Kühe sind Dieser Umweltkeim, der v. a. in der in der Umgebung der Tiere vorkommt, vermehrt sich gut in Stroheinstreu, v. a. wenn die Qualität schlecht ist. Aber man findet ihn auch auf draußen auf der Weide. Besonders auf den „schwarzen Stellen“, wo nur noch wenig Gras wächst, hält sich sc. uberis auf, z.  B. unter Bäumen, wo die Kühe gern zusammen liegen. Außerdem findet man den Keim in der Umgebung der Tränken und an den Übergängen im Stall sowie in dem vor- und nachgelagerten Bereich zum Melken. Der Keim ist immer da, wo auch besonders viele Kühe sind.
Hoher Infektionsdruck: Vom umwelt- zum kuhassoziierten Keim Bei hohem Infektionsdruck  kann der Sc. uberis auch kuhassoziiert auftreten und dann wird er von Tier zu Tier über das Melkzeug übertragen. Im Sommer kann es darum wichtig werden, die Melkarbeit zu optimieren (vorreinigen, zischendesinfizieren, dippen), damit durch den Melkprozess keine Umweltkeime von Kuh zu Kuh übertragen werden. Nur mit einer funktionierenden Zwischendesinfektion können dann Umweltkeime vollständig vom Zitzengummi entfernt werden. Geeignet sind alle gängigen Methoden (spülen, sprühen, waschen, tauchen, dampfen). Wichtig zu wissen ist, dass die Ausscheidungszahlen bei Sc. uberis viel größer sind als von dem ansteckenden S. aureus. Das verlangt eine sehr gute Wirksamkeit der Zwischendesinfektion (z. B. mit Peressigsäure-Lösung mit einer Konzentration von 700 bis 1.000 ppm). In Betrieben, die im Sommer mehr als sechs Kühe mit einem Melkzeug melken und viel Sc. uberis im Sommer nachweisen, sollte die Zwischendesinfektion in den Melkprozess als Standard  integriert werden.  

Eine wirksame Zwischendesinfektion kann im Sommer nötig werden, wenn Umweltstreptokokken auch  via Melkzeug weitergegeben werden.  (Bildquelle: Weerda )

Nur saubere Kühe im Roboter melken In automatischen Melksystemen (AMS) steht nur ein Melkzeug für mehr als 50 Kühe zur Verfügung. Bei einem hohem Infektionsdruck kann der Sc. uberis auch hier kuhassoziiert auftreten und dann überträgt der Roboter ihn von Tier zu Tier. Zum Glück haben alle Roboter eine Zwischendesinfektionen, um das zu verhindern. Sind die Zitzen allerdings zu dreckig, kann der Roboter nicht mehr zufriedenstellend reinigen und die beste Desinfektion bringt wenig. Darum müssen Kühe, bevor sie in den Roboter gehen, v. a. sauber sein.  Bürsten müssen regelmäßig gewechselt, gereinigt und desinfiziert werden. (Ersatzbürsten liegen in der Desinfektion).

Die Bürsten am Roboter müssen jederzeit sehr sauber sein.  (Bildquelle: Stöcker-Gamigliano )

Gut mit Penicillin therapierbar Es ist einfach, den Keim mit antibiotischen Eutertuben (z. B. Penicillin) erfolgreich abzutöten. Auch die Heilungsrate in der Trockenperiode (mit Antibiotikum und Zitzenversiegler) ist sehr gut. Der Einsatz von Reserveantibiotiaka (mit kritischen Wirkstoffen) ist nicht nötig.
Festlieger brauchen Flüssigkeit und NSAID Die Therapie führt man je nach Behandlungsschema zwei bis max. fünf Tage durch. Danach sind die Flocken noch da, das ist normal. Von klinischer Heilung spricht man dann, wenn auch die Flocken nicht mehr sichtbar sind. Eine Erfolgskontrolle mithilfe einer Milchprobe ist nicht sehr aussagestark, da die Infektion schnell wiederkommt. Liegen die Kühe mit einer schweren klinischen Mastitis fest, brauchen Sie v. a. viel Flüssigkeit (Hypertone o. isotone Infusion, Drench), ein NSAID und ein systemisches Antibiotikum. Die Instillation  einer antibiotischen Eutertube bringt für den Therapieerfolg der schweren Mastitis keinen Vorteil.
Unheilbar kranke Kühe nicht mehr antibiotisch behandeln Manche Kühe bekommen alle sechs Wochen eine neue Sc. uberis-Mastitis. Nach dem dritten Fall in einer Laktation ist das Eutergewebe so stark geschädigt, dass es sich nicht mehr von der Entzündung erholt. Das heißt für die Praxis, dass die Kuh lebenslang hohe Zellen und weniger Milch hat. Da hilft kein Laktationsantibiotikum mehr. Nur bei Erstlaktierenden hat man noch mal eine Heilungschance in der Trockenperiode. Wenn diese chronisch, unheilbar euterkranken Kühe wieder eine klinische Mastitis bekommen, dann ist Pyrogenium (Homöopatikum) genau so wirksam wie ein Antibiotikum und kann vor dem Hintergrund der Antibiotikareduktion besser eingesetzt werden.
Häufiges Ausmelken bei Mastitis ist obsolet In der Vergangenheit wurde gern das „häufige Ausmelken“ bei Mastitiskühen empfohlen, um die Heilung zu beschleunigen. Einige neuere Studien zeigen allerdings, dass dieses Vorgehen  die Teilungsgeschwindigkeit der Sc. uberis-Bakterien eher verstärkt. Darum gilt diese Empfehlung nicht mehr. 
Impfung verhindert schwere Fälle Es gibt zwei industriell hergestellte Mastitisimpfstoffe (Startvac, Ubac) und bestandsspezifische Vakzine. In wissenschaftlichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass diese die  Schwere der klinischen Fälle und die Anzahl der Festlieger reduzieren können. Die Infektion an sich oder das Auftreten von Flocken können die Impfungen allerdings nicht verhindern. Sie haben auch keinen Einfluss auf die Neuinfektionsrate.
Sc. uberis kommt schnell wieder (Rezidiv) Sc. uberis führt oft zu klinischen Mastitiden. Die Infektionen dauern nicht sehr lange. Selbst wenn die Euterentzündungen unbehandelt blieben, dann verschwänden die Bakterien nach einigen Monaten wieder aus der Milchdrüse. Während der Infektionszeit haben die Bakterien das Eutergewebe stark geschädigt. Das besondere an Sc. uberis ist, dass er leicht zu behandeln ist.  Jedoch kann sich die bakteriologisch geheilte Milchdrüse schnell wieder neu infizieren. So scheint die Kuh schnell wieder zu erkranken. Und es sieht so aus, als wäre die Therapie nicht erfolgreich. Das stimmt aber nicht. Kurz vor Ende der Wartezeit sind wieder Flocken da. Die Kuh hat sich neu infiziert.

Ein Rezidiv: Gerade eben ist die Kuh mit Umweltmastititis geheilt, da hat sie schon wieder Flocken.  (Bildquelle: Weerda )

Vordippen zum Standard machen Hat eine Milchkuhherde Probleme mit dem Umwelterreger, sind das die wichtigsten Prophylaxemaßnahmen: Saubere trockene Liegeboxen, Übergänge, Bereich um die Tränken, saubere Deckstreu, Zitzen und Euter (Abflammen, Scheren). Besondere Bedeutung hat die Zitzenvorreinigung, darum gehört das „Predipping“ weltweit zum Standard beim Melken. Es gibt einige Produkte mit spezifischer Predipping-Zulassung (z. B. Chloramin-T (Chlorbasis), Eimü-Euterwasch (Jodbasis)).

Das schaumhaltige Vordippen gehört weltweit zum Standard guter Melkarbeit.  (Bildquelle: Weerda )

Hygienische Deckschicht in der Liegebox schützt vor Neuinfektionen. Die Matratze in der Liegebox muss weich und eben sein (Stroh-Kalk-Wasser-Gemisch). Aber darauf muss eine täglich neue hygienische, trockene Deckschicht liegen (sauberes, trockenes Häckselstroh, Späne, Kalk). Nur so ist sichergestellt, dass Zitzen sauber bleiben und sich nicht mit Umweltkeimen infizieren.
Kalk ist anorganisch (kein Bakterienwachstum), solange der trocken ist. Kalk sorgt dafür, dass der pH-Wert in der Liegebox steigt. Da gibt es zwei Kalkarten, die den pH-Wert steigen lassen: Branntkalk  und Löschkalk. Der Einsatz von Branntkalk ist gefährlich, da bei Wasserkontakt die Temperatur steigt und Brandgefahr besteht. Besser ist Löschkalk: Der pH-Wert steigt und die Temperatur nicht. Die Mischung ist: 10 kg Löschkalk auf 100 kg Stroh.
Gärreste/Gülle-Einstreu führen zu höheren Neuinfektionsraten. Separierte Gärreste und Pressgülle sind zunächst trocken und sehr keimarm. Sobald sie Feuchtigkeit ausgesetzt werden, haben Bakterien beste Bedingungen für das Wachstum. Das Keimwachstum startet bereits 16 bis 20 Std. nach Neueinstreu. Es handelt sich also um ein Risikomaterial für die Eutergesundheit. Der Zusatz von Löschkalk kann das Keimwachstum etwas verlangsamen.
Der Keimdruck nimmt noch zu, wenn der Stall überbelegt und unzureichend gelüftet ist. Besser ist: 80 % Belegdichte und ausreichend Ventilatoren. Dann trocknen die Liegeboxen gut ab und das Keimwachstum ist gebremst. Man kann davon ausgehen, dass die Neuinfektionsrate in Betrieben, die mit Pressgülle einstreuen, um 5 bis 7 % höher liegt.

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