Praxismanagement

Wir kaufen eine Tierarztpraxis

Ein junges Ehepaar übernimmt eine große Tierarztpraxis mit 35 Angestellten in Schleswig Holstein. Über die Chance, den eigenen Arbeitsplatz selbst zu gestalten.

Die Tierärzte Nina (34 Jahre) und Tom D’Haese (38 Jahre) sind verheiratet und haben zwei kleine Kinder (zwei und fünf Jahre). Beide arbeiteten bereits zehn Jahre in einer großen Tierarztpraxis in Schleswig-Holstein, als ihnen die Praxis zum Kauf angeboten wurde. Wir haben nachgefragt, wie es sich anfühlt, so viel Verantwortung zu übernehmen.
vet-consult: Wann wussten Sie, dass Sie selbst mal eine Tierarztpraxis besitzen würden?
Nina: Unser damaliger Chef hatte uns schon bei meiner Einstellung im Jahr 2011 signalisiert, dass er nicht mehr lange Chef sein wollte. Vor drei Jahren hat er dann konkret gefragt, ob wir die Praxis übernehmen wollen. Wir wollten aber erst mal die Familienplanung abschließen und so wurde die Sache vorübergehend auf Eis gelegt. Als wir dann Anfang 2018 das zweite Mal mit ihm zusammen saßen, um zu berichten, dass ich schwanger bin, wurde das Thema wieder aufgewärmt. Nach gründlicher Überlegung haben wir zugesagt, die Praxis zu übernehmen.
vet-consult: Haben Sie sich fachliche Hilfe für die Übernahme-Vorbereitung geholt?
Tom: Natürlich! Ich habe erstmal eine Fortbildung zur Übernahmeplanung und Unternehmensführung gemacht und dann mit Unternehmens- und Steuerberatern sowie Rechtsanwälten gesprochen. Wir haben uns sehr viel Zeit für den Business-Plan und die Finanzierung genommen und in den 2,5 Jahren der Übernahmevorbereitung sehr viel über die Praxis erfahren, was wir vorher nicht wussten.
vet-consult: Und wie lief die Übernahme dann organisatorisch ab?
Beide: Wir haben den Jahreswechsel 2019/2020 gewählt, um den finanziellen Abschluss einfach zu gestalten. In beiderseitigem Einvernehmen haben wir uns für ein „Rein-Raus-Verfahren“ entschieden. Es gab also keine Übergangsphase, in der wir mit dem ehemaligen Chef gemeinsam Entscheidungen treffen mussten. Allerdings war unser ehemaliger Chef drei Monate lang jederzeit erreichbar und stand uns für Fragen zur Verfügung. Inzwischen ist er in der Praxis nicht mehr präsent, aber für uns im Fall der Fälle immer erreichbar. Er ist eine große Hilfe, denn schließlich hat er 25 Jahre Erfahrung in der Führung dieser großen Praxis.
vet-consult: Was hat sich an Ihrem Arbeitsalltag verändert?
Tom: Ich arbeite weniger praktisch als vorher. Dafür organisiere und telefoniere ich sehr viel. Im Prinzip bin ich jetzt „Mädchen für alles“ geworden. Neu für mich ist, dass man acht Stunden eines Arbeitstages damit verbringen kann, sich Probleme anzuhören und für alles eine Lösung finden zu müssen. Aber ich freue mich über meinen neuen kreativen Spielraum und die Selbstbestimmtheit meiner Arbeit.
Nina: An meinem Arbeitsalltag hat sich alles geändert, weil ich einen neuen Betriebszweig in der Bestandsberatung im Bereich Herdengesundheitsmanagement in der Praxis aufbaue. Dafür haben wir eine Agrarwissenschaftlerin eingestellt und sind eine Kooperation eingegangen, wodurch uns noch mal zwei weitere Agrarier zur Seite stehen. Das Ziel ist es, nicht mehr den Problemen hinterherzulaufen, sondern Prophylaxe zu betreiben. Dazu gehören Fütterungsberatung, Stallbauberatung und die Optimierung der Produktionsabläufe. Unser kleines Team will den kurativ arbeitenden Tierärzten kompetent unter die Arme greifen und zusammen schnell eine gute und praktikable Lösung finden.

Mit Kollegen arbeitet der junge Chef auf Augenhöhe. Bei unterschiedlichen Meinungen nimmt Tom D’Haese sich Zeit, alles in Ruhe zu besprechen. (Bildquelle: Arp)

vet-consult: Vom Kollegen zum Chef. Geht das ganz ohne Konflikte?
Tom: Der Schritt vom Assistenten zum Chef in der gleichen Praxis ist nicht ganz konfliktfrei. Ich pflege aber einen kollegialen Führungsstil und sehe die anderen Mitarbeiter als Partner auf Augenhöhe. Bisher arbeite ich auch noch weiter in der Fahrpraxis und nehme an Nacht- und Wochenenddiensten teil. Doch die administrativen Aufgaben kommen oben drauf. Mal sehen, wie sich das in Zukunft entwickeln wird
Nina: Ich kam aus dem Arbeitsverbot und der Babypause als Chefin wieder. Das war merkwürdig. Ich musste selbst erst einmal einen Platz finden. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, dann besprechen wir das. Bisher hat das gut geklappt.
vet-consult: Was haben Sie in der Praxis im Vergleich zu früher verändert?
Beide: Es gab schon immer eine sehr gute Struktur. Wir haben aber ein neues Buchhaltungssystem eingeführt und bieten jetzt zusätzliche Lösungen/ Dienstleistungen in der Bestandsbetreuung an.
vet-consult: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Beide: Ein starkes Team von Mitarbeitern mit unterschiedlicher beruflicher Qualifikation. Wir wollen, dass es den Mitarbeitern bei uns gut geht und sie lange bleiben. Dafür bieten wir flexible Arbeitsmodelle für die Familienphase an. Denn wir wissen ja selbst nur zu gut, was Eltern benötigen, die Job und Kinder unter einen Hut bekommen wollen.

Die Tierärzte Nina (34 Jahre) und Tom D’Haese (38 Jahre) sind verheiratet und haben die Rinderpraxis Brokstedt übernommen. (Bildquelle: Arp)

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