Tiergesundheit

Zoonosen: Vorsicht ansteckend!

Immer häufiger stecken sich Menschen im Kuhstall mit Krankheitskeimen an. Wer sich mit Zoonosen auskennt, kann sich auch wirksam schützen.

Besonders gefährdet sind Ältere, Schwangere oder immunsupprimierte Menschen.
Listerien werden über Rohmilch und andere Lebensmittel übertragen. In der Schwangerschaft besteht Abortgefahr.
Q-Fieber wird mit dem Wind weitergetragen. Menschen erkranken mit grippeähnlichen Symptomen. Schwangere Frauen sind gefährdet.
Leptospiren können im Urin von Mäusen und Ratten nachgewiesen werden.
Campylobacter und Kryptosporidien führen zu Durchfällen bei Mensch und Tier.
Unter Zoonosen versteht man Infektionen, die vom Tier oder dem tierischen Lebensmittel auf den Menschen oder auch umgekehrt übertragen werden. Die Symptome bei Menschen und Tieren sind oft sehr unterschiedlich, sodass der Zusammenhang nicht immer einfach herzustellen ist.
Einige Infektionen wie zum Beispiel Q-Fieber verursachen schwere klinische Symptome bei Schafen. Beim Rind verläuft die Erkrankung hingegen eher subklinisch. Steckt sich eine schwangere Frau über Rohmilch mit dem Erreger an, kann es neben leichten Grippesymptomen zum Schwangerschaftsabbruch führen. Das ist im Jahr 2015 in Deutschland mehr als 100 Mal passiert. Zoonosen nehmen in ihrer Verbreitung in den letzten Jahren zu. Dafür gibt es verschiedene Gründe.
Ein Grund ist, dass in modernen Haushalten immer weniger selbst gekocht wird. Das Wissen um die sachgemäße Lebensmittelzubereitung ist gering. Auch der Trend „zurück zur Natur“ führt unter Umständen dazu, dass Rohmilch nicht abgekocht wird, sondern vermeintlich „natur belassenen“ bleibt. Auch wird die Gesellschaft immer älter und die Gruppe der Risikopatienten (älter, mit Vorerkrankungen) steigt. Das macht den Menschen anfälliger für Infektionserkrankungen.

Kuh dreht sich im Kreis

Das größte Infektionsrisiko für Kuh und Mensch geht von Listerien (Listeria monocytogenes) aus. Das sind Bakterien, die in der Erde und der Umgebung der Kuh oder des Schafes vorkommen. Besonders oft werden sie auch in verdorbenen Silagen gefunden.
Bei Rindern wandern die Bakterien dann von Schleimhautverletzungen zum Beispiel im Maul über das Blut in die Zielorgane Gehirn, Euter oder Gebärmutter. Es kommt dann bei Einzeltieren zur Hirnhautentzündung (Drehkrankheit), Aborten, Mastitiden oder Blutvergiftungen bei Jungtieren. Menschen können sich durch Verzehr von Rohmilch infizieren. Listerien können aber auch bei der Weiterverarbeitung von Lebensmitteln (vorgeschnittene Salate) in das Lebensmittel gelangen.

Kühe, die an Listeriose erkranken, haben zentralnervöse Störungen, halten den Kopf schief und laufen im Kreis. (Bildquelle: Weerda)

Im Landkreis Paderborn steckten sich beispielsweise 150 Kinder nach dem Verzehr von Milchreis an. In Deutschland werden beim Menschen mehrere Hundert Fälle pro Jahr gemeldet (608 in 2014). Davon sind ca. 10 % schwangerschaftsassoziiert, 30 % Blutvergiftung, 30 % Meningitis und in 65 % der Fälle waren ältere Menschen oder Immunsupprimierte betroffen. Sieben Prozent der gemeldeten Fälle endeten tödlich.
Coxiellen verursachen bei Schaf und Rind Q-Fieber. Bei Rindern verläuft die Infektion häufig unterschwellig. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt durch Tierkontakt und Abortmaterial. Die Bakterien sind sehr umweltstabil und können im getrockneten Zustand auch mit dem Wind mehrere Kilometer weit getragen werden und auf diesem Wege Infektionen auslösen. Mehr als die Hälfte aller infizierten Menschen zeigen grippeähnliche Symptome, die durch Entzündungen von Lunge, Leber oder Herz kompliziert werden können. Im Jahr 2015 wurden 322 Erkrankungsfälle beim Menschen an das Robert-Koch-Institut gemeldet. Q-Fieber-Infektionen treten häufig als Ausbruch mit mehreren Betroffenen auf. Im Gegensatz zur Listeriose. Da kommt es eher zu Einzelerkrankungen. In Problembetrieben mit Q-Fieber kann gegen die Auslöser – die Bakterien Coxiella burneti – geimpft werden. Normalerweise wird dann immer der ganze Bestand geimpft.

Coxiella burneti (Q-Fieber) können bei Kühen und schwangeren Frauen zu Aborten führen. (Bildquelle: Weerda)

Chlamydien und Leptospiren

Chlamydien sind häufig auch als nicht krankmachende Erreger im Stall zu finden. Das macht es oft schwer, deren Gefahrenpotenzial zu beurteilen. Treten aber Symptome wie Durchfall, Aborte, Fruchtbarkeitsstörungen, Mastitis oder Lidbindehautentzündungen auf, besteht auch immer die Gefahr, dass Mitarbeiter im Betrieb sich anstecken. Leptospiren werden im Urin von Ratten und Mäusen ausgeschieden und gelangen so über verunreinigtes Futter in die Kuh. Die Infektion beim Menschen erfolgt durch direkten oder mittelbaren Kontakt mit Urin oder kontaminiertes Wasser. Die meisten Personen bekommen dann lediglich grippeähnliche Symptome. Doch kommt es auch regelmäßig zu lebensbedrohenden Formen der Leptospirose mit Blutungsneigung mit Leber- und Nierenversagen. In 2015 wurden 86 Erkrankungen in der Bevölkerung gemeldet (höchster Wert seit 15 Jahren).

Kaum Symptome bei der Kuh

Campylobakter verursachen milde Durchfälle und Fieber bei Kühen. Die Infektion im Kuhstall wird schnell übersehen. Die Rohmilch infizierter Tiere und das Fleisch der Kühe ist dann aber trotzdem ansteckend. So kam es immer wieder zu größeren Infektionsausbrüchen (70.190 Fälle in 2015). Ein Ausbruch ereignete sich, als Schulkinder bei einem Ausflug auf einen Bauernhof Rohmilch und Käse probierten. Die Symptome beim Menschen reichen dann von Fieber, über Bauchschmerzen, bis zu wässrigem Durchfall. In seltenen Fällen kommt es zu Gelenksentzündungen und Lähmungen. Kryptosporidien sind in den Betrieben weit verbreitet und führen bei Kälbern zu Durchfällen. Über das Trinkwasser oder Kotspritzer können sich auch Menschen anstecken. Diese haben dann wochenlang Durchfall. Bei abwehrgeschwächten Patienten kann die Infektion zum Tod führen. Im Jahr 2015 wurden 101 Fälle gezählt. In Sachsen hatte eine Kindergruppe Kontakt zu infizierten Kälbern.

Gegen Kryptosporidien hilft nur gute Hygiene und die Belegung der Kälberboxen im Rein-Raus-System. (Bildquelle: Weerda)

Nicht mit Kälbern kuscheln

Trichophytie oder Flechte ist in Rinderbeständen weit verbreitet. Der Pilz Trichophyton verrucosum dringt tief in die Haarfollikel ein und verursacht eine Entzündung. Im Laufe der Zeit entwickeln sich haarlose, borkige Stellen an Kopf und Körper. Die Übertragung erfolgt über Holzeinrichtungen oder Kuhbürsten oder ganz einfach durch Kontakt. Es besteht die Möglichkeit infizierte Tiere zu impfen. Viele Tierärzte haben sich selbst schon einmal mit der Pilzerkrankung angesteckt. Oft bleibt es bei kleinen roten Stellen an den Unterarmen. Haben jedoch Immunsuppremierte oder Kinder Kontakt mit dem Pilz, kann es zu großflächigen Infektionen an den Kontaktstellen kommen, z. B. im Gesicht von Kindern nach intensivem Kälberkuscheln.

Immunkompetente Erwachsene erkranken meist nur geringgradig, wenn sie sich mit Trichophytie anstecken. (Bildquelle: Weerda)

Zoonosen sind auf dem Vormarsch. Das liegt unter anderem daran, dass sich unsere Lebensumstände geändert haben. Die Übertragung von Infektionserregern von Kühen auf Menschen ist nicht immer sicher nachweisbar, denn die Symptome sind bei Mensch und Tier unterschiedlich. Oft werden bestehende leichte Symptome nicht gesehen und dementsprechend nicht an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet. Das RKI ist die zentrale Stelle für die Erkennung, Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Das führt dazu, dass die Datenlage nicht komplett ist und die im Text genannten Fallzahlen wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges darstellen. Erfolge in der Bekämpfung kann man nur dann erzielen, wenn man Zusammenhänge frühzeitig erkennt und den Schwachstellen entgegenwirkt.

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